© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de    42/03 10. Oktober 2003

 
Meldungen

Jepsen: Bekenntnis wurde aufgegeben

HAMBURG. Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen führt die geistlichen Probleme der evangelischen Kirche auf die Auswirkungen der 68er Zeit zurück. Man habe "verbindliche Glaubenstraditionen, zu denen das Bekenntnis gehört, aufgegeben", sagte sie dem Hamburger Abendblatt. Statt dessen sei man "eingetaucht in eine Welt des Konsumismus". Jetzt gelte es, "wieder religiöse Gefühle zu entwickeln" und "die Religion wieder ins Profane einzubringen damit die Gesellschaft menschlich bleibt". Die Religion müsse wieder Strahlkraft gewinnen. Im traditionell evangelisch geprägten Hamburg ist der Bevölkerungsanteil der Protestanten an den 1,7 Millionen Einwohnern von drei Vierteln im Jahr 1980 auf ein Drittel geschrumpft. Nach finanziell "fetten Jahren" lebe die Kirche gegenwärtig in einer ausgesprochen harten Periode, sagte die Bischöfin: "Die Zeit der Bequemlichkeit ist vorbei." Die Kircheneinkünfte gingen stark zurück. In den neunziger Jahren sei man noch davon ausgegangen, daß man die Krise durch Sparmaßnahmen, aber ohne Entlassungen in den Griff bekommen könne. "Das war ein Irrtum", so die Bischöfin. Frau Jepsen zufolge muß die 2,2 Millionen Mitglieder zählende Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche bis 2010 die Ausgaben um 50 Prozent kürzen.

 

Ostalgie-Shows hätten Honecker gefallen

LEIPZIG. Gegen eine Verklärung der DDR-Vergangenheit in "Ostalgie-Shows" hat sich der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Tobias Hollitzer gewandt. Diese Sendungen "verharmlosen die Gefahren, die der Demokratie durch totalitäre Ideologien drohen, und sind eine Verhöhnung der Opfer", schreibt Hollitzer in einem Beitrag für die Wochenzeitungen Die Kirche (Magdeburg), Der Sonntag (Leipzig) und Glaube und Heimat (Weimar). Er ist der Ansicht, daß die Shows "zu wenigstens 80 Prozent anstandslos durch die SED-Zensur der achtziger Jahre gegangen" wären. "Erich Honecker und sein Politbüro hätten ihre helle Freude an einer solchen Vielzahl von Agitationssendungen im (west-) deutschen Fernsehen gehabt." Hollitzer erinnert zugleich an die über 1.000 getöteten Flüchtlinge an der ehemaligen innerdeutschen Grenze sowie Tausende politische Häftlinge in DDR-Gefängnissen und fragt: "Ist das die Bilanz einer schönen DDR?" Ferner kritisiert er, daß in den Ostalgie-Shows fast nur Prominente auftreten, die schon zu DDR-Zeiten privilegiert gewesen seien, etwa Spitzensportler und Fernsehstars. Zum Argument, die Ostalgie-Shows wollten nur den unpolitischen Teil der DDR darstellen, schreibt er: "Es ist doch gerade das Merkmal einer Diktatur, daß es keinen unpolitischen Alltag gibt."

 

Belangloser Briefwechsel

Der "Briefwechsel aus fünf Jahrzehnten" zwischen dem Besitzer der Zeit, Gerd Bucerius, und seiner langjährigen Chefredakteurin und späteren Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, ediert von Haug von Kuenheim und Theo Sommer (Siedler Verlag, Berlin 2003, 304 Seiten, geb., 22 Euro) ist ein an sich ziemlich überflüssiges Buch: Redaktionsinterna von anno dunnemals, die niemanden mehr interessieren, dazu von seiten Kuenheims und Sommers kräftige Lobeshymnen auf die beiden führenden Gestalten der Hamburger Wochenzeitung, die inzwischen verstorben sind. Interessant immerhin zu erfahren, wie unzufrieden Bucerius in der Regel mit "seiner" Zeitung war, die ihn viel Geld kostete, und wie er sich peu à peu um allen Einfluß bringen ließ. Zum Schluß mußte er darum kämpfen, überhaupt noch selber in dem Blatt schreiben zu dürfen. Den Ton gab Marion Dönhoff an, die auch dafür sorgte, daß die Zeit immer schön links blieb. Armer Gerd Bucerius! Andreas Wild