© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 07/17 / 10. Februar 2017

Die Zeitbombe tickt
Tom Burgis über die nicht nur hausgemachten Probleme Afrikas, deren Auswirkungen uns direkt betreffen
Peter Seidel

Afrika, der „wohl reichste Kontinent“, bildet die strategische Gegenküste zu Europa, getrennt durch das Mittelmeer, den klassischen Verbindungsraum seiner Völker. Dort tickt eine Zeitbombe, und die „Plünderung Afrikas“ durch Diktatoren und Konzerne geht ungebremst weiter. Dies ist das Thema von Tom Burgis, Auslandsreporter der Financial Times und Leiter eines „Teams für investigativen Journalismus“ in London. Sein Obertitel: „Der Fluch des Reichtums“.

Afrika, das sind Diamanten und Gold, Erdöl und Erdgas, und nicht zuletzt Erze, von Zinn über Wolfram bis zu Coltan, unentbehrlich für elektronische Artikel wie Mobiltelefone oder Laptops. Seit Jahrzehnten werden ihre Lagerstätten erfolgreich ausgebeutet, im Kongo, in Angola, in Nigeria. Inzwischen auch durch zahlreiche Konzerne aus China, die den westlichen Multis verschärft Konkurrenz machen. Erfolgreich aber kaum für die Afrikaner, die meist von diktatorischen Stammesfürsten in Ländern regiert werden, für die selbst das Attribut „gescheiterter Staat“ nur Schönfärberei ist. Zur Aufrechterhaltung ihrer Macht brauchen die jeweiligen Putschisten für ihre Klientel aus Milizen und Stämmen schnell Bargeld und Pfründe, die sie billig gegen Abbaurechte für Rohstoffe erhalten und verschleudern: korrupte, tribalistische Eliten ohne Staatsräson, und damit ohne Grundlage für den Aufbau eines Nationalstaates. 

Anfangs schildert Burgis ausführlich die Leiden der Bevölkerung unter den Putschen und Regimewechseln mit ihren Pogromen unter den Verliererstämmen. Geopolitisch interessant sind die folgenden drei Kapitel über die chinesische Strategie in Afrika, die weitaus stärker ihre wirtschaftlichen Erfolge mit dem Aufbau von Infrastruktur kombiniert als westliche Unternehmen. 

Gut strukturiert kommt Burgis dann in den letzten Kapiteln zu Schlüssen über das verhängnisvolle, weil unentwirrbar erscheinende Netz gegenseitiger Abhängigkeiten von Diktatoren und internationalen Konzernen, das seine These vom „Fluch des Reichtums“ in diesen Nicht-Staaten so bedrückend macht. Denn im Gegensatz zur Bevölkerungsexplosion im Europa des 19. Jahrhunderts wird dieses im heutigen Afrika eben nicht durch eine parallel verlaufende Industrialisierung und damit die Schaffung wenn auch noch so gering bezahlter Arbeitsplätze in ausreichender Zahl begleitet. 

Im Gegenteil: Der überlegene Westen mit seinen subventionierten Agrarprodukten und der Osten mit seinen billigen Industrieprodukten zerstört vielfach noch die wenigen bisherigen Anfänge einer industriellen Produktion. Eine Abwärtsspirale sondergleichen. Vom wachsenden islamischen Fundamentalismus à la Boko Haram in der Sahelzone, den der Autor nur am Rande vermerkt, ganz zu schweigen. 

Burgis ist immer wieder vor Ort, an den Brennpunkten, von denen er für seine Zeitung berichtet. Er ist ohne Zweifel mit den Verhältnissen sehr vertraut, hat hervorragende persönliche Kontakte und recherchiert äußerst akribisch. Mit eigenen Kommentaren hält er sich zunächst sehr zurück, die dann in den letzten Kapiteln durchaus prononciert für sich sprechen. Was dies allerdings angesichts der maßlosen Verschwendung der Ressourcen und der ebenfalls ungebremsten Bevölkerungsexplosion Afrikas insbesondere für Europa deuten könnte, ist nicht sein Thema. Und so ist Burgis Buch eher für jene geeignet, die sich beruflich mit Afrika beschäftigen, Geschäftsleute, Entwicklungshelfer, Blauhelme, Börsianer, Ministerialbeamte. 

Im 20. Jahrhundert hat sich Bevölkerung verzehnfacht

Trotz teilweise beträchtlicher Wachstumsraten in einigen Ländern wird Afrika in seiner Gänze immer mehr zum gescheiterten Kontinent. Nachdem sich die Bevölkerung bereits im 20. Jahrhundert nahezu verzehnfacht hat, nach dem Eindringen des westlichen „modern way of life“ bereits zu Kolonialzeiten, und ohne Chance, dies auf staatliche Weise in den Griff zu bekommen, wie dies etwa China vorgemacht hat, bleibt heute nur eine Prognose, die längst durch statistische Zahlen internationaler Organisationen untermauert ist: In Afrika setzt sich die Bevölkerungsexplosion ungebremst fort, Afrika wird zum demographischen Pulverfaß. 

Was dies für die angrenzernden Wohlstandszonen, vor allem für Europa, bedeutet, davon können wir uns trotz der Masseneinwanderung von nur ein bis zwei Millionen Menschen im Jahr 2015 überhaupt noch keine Vorstellungen machen. Denn die Dimension der Migration nach Europa in diesem „Krisenjahr“ entspricht eben nicht einmal dem jährlichen Bevölkerungsanstieg von etwa 32,5 Millionen Afrikanern. Und was hier Forderungen nach einem „Marshallplan“ für Afrika bewirken sollen, angesichts völlig anderer Verhältnisse als in Europa, bleibt mehr als fraglich, selbst wenn man ausblendet, daß von den bisher geleisteten insgesamt „800 Milliarden Entwicklungshilfe 600 in den Taschen von Diktatoren und korrupten Eliten gelandet“ sind (FAZ vom 23. September 2016). 

Mit Rezepten aus der europäischen Vergangenheit ist das Problem Afrika nicht zu lösen. Und wenn dann laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung 91 Prozent der Deutschen wirklich der Meinung sind, „Flucht und Vertreibung stärker zu bekämpfen“ und „mehr als drei Viertel gegen eine Schließung nationaler Grenzen gegen Flüchtlinge“ sein sollen, dann zeigt dies lediglich: Deutschland, die Europäische Union, sind geistig wie realpolitisch völlig unvorbereitet auf das, was da ansteht. 

Tom Burgis: Der Fluch des Reichtums. Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas. Westend Verlag, 2016, gebunden, 352 Seiten, 24 Euro