© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  45/13 / 01. November 2013

Die Spielregeln der Macht geändert
Wikileaks: Im Kino läuft der Kampf um die Deutungshoheit über die Enthüllungsplattform an / „Mediastan“ und „Inside Wikileaks
Ronald Gläser

Wenn der Film-Julian-Assange in „Inside Wikileaks“ Weisheiten herausposaunt, dann stammen sie meist von anderen. So zitiert er gern Alexander Solschenizyn oder Oscar Wilde. Nur die einfachen, brutalen Wahrheiten kommen von ihm selbst: „Wenn wir einen Whistleblower finden, kann er das ganze System zum Einsturz bringen.“ Er sagt dies zu Daniel Domscheit-Berg, ohne zu wissen, daß Bradley Manning ihm bald brisante Informationen zuschustern wird. Und ohne zu ahnen, daß Edward Snowden mit seinen Enthüllungen die NSA brüskieren wird.

Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ inszeniert die Geschichte von Wikileaks als Männerfreundschaft zwischen dem Gründer Julian Assange (Benedict Cumberbatch) und Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl). Beide lernen sich in Berlin kennen, wo ein Großteil der Handlung spielt. Domscheit-Berg schließt sich Assange an, wird sein Mitarbeiter.

Assange wird als latent größenwahnsinniges, seelisch leicht instabiles Computergenie dargestellt, das seine Kindheit bei einer Sekte nicht ganz verkraftet hat. Er bekommt immer spektakulärere Dinge zugespielt, die er dann veröffentlicht: Geschäftsinterna von Julius Baer, Beweise für Verfehlungen der isländischen Banken, die Mitgliederliste der British National Party.

2010 dann der große Coup: Der US-Gefreite Bradley Manning spielt Wiki-leaks diverse Geheimpapiere zu, die dann in mehreren Wellen von Wikileaks zusammen mit Zeitungen wie Guardian, Spiegel und New York Times veröffentlicht werden. Cablegate wurde zum größten Erfolg von Wikileaks.

Wie schon der Wikileaks-kritische Film „We Steal Secrets – Die Wikileaks-Geschichte“, der im Sommer in die Kino kam, soll „Inside Wikileaks“ dazu dienen, Assange und seine Arbeit zu diskreditieren. In „We Steel Secrets“ wurde Assange vorgeworfen, er habe Bradley Manning über die Klinge springen lassen.

Inside Wikileaks“ baut eine andere Anklage auf: Assange habe leichtfertig die Diplomatendepeschen unredigiert veröffentlicht und damit die Quellen der Amerikaner in Gefahr gebracht. In große Gefahr. Anhand eines konkreten Falls wird gezeigt, daß ein Informant der Amerikaner fast in die Hände Muammar al-Gaddafis gefallen wäre. Domscheit-Berg habe mit Assange gebrochen, weil er das aus moralischen Erwägungen nicht mitmachen wollte, so der Tenor des Films.

Abgesehen davon, daß nach dieser Logik niemals ein einziger Stasi-IM enttarnt worden wäre, ist fraglich, ob die Geschichte den Fakten denn standhält. In Wahrheit ist diese Geschichte komplizierter, und Domscheit-Berg steckt womöglich selbst hinter der Preisgabe jener Daten. Das behauptet jedenfalls das Assange-Lager.

Wikileaks verbreitet seit Kinostart in der angelsächsischen Welt die enttäuschten Kommentare unzufriedener Zuschauer. Hauptvorwurf: langweiliger Schmarrn. So twittert ein Daniel Osborne: „Das ist ein so schlechter Film, bin im Kino eingeschlafen.“

Diese Kritik ist überzogen. „Inside Wikileaks“ ist ein ebenso spannender wie überzeugender Propagandafilm. Er basiert wesentlich auf Domscheit-Bergs Enthüllungsbuch „Inside Wikileaks“ und dem eines britischen Journalisten, der auch kein Freund von Assange ist. Die Filmemacher räumen ein, daß der Film vom wahren Geschehen abweicht: Drehbuchautor Josh Singer sagt, er habe sich für „Abweichungen von der Realität“ entschieden und will den Film nicht als Doku verstanden wissen. Regisseur Bill Condon gibt offen zu: „Bei diesem Thema ist sich niemand einig.“ Mit Assange haben beide augenscheinlich nicht gesprochen.

Dieser sitzt seit Juni 2012 im Londoner Botschaftsasyl. Assange ist der prominenteste Dissident der westlichen Welt, der von mehreren mit den USA verbündeten Staaten mit einer fadenscheinigen Begründung verfolgt wird und dem eine Todeszelle in Amerika droht. Sein wirkliches Vergehen ist größer als nur der Betrieb einer regierungskritischen Netzseite. Assange hat die Spielregeln der Macht geändert. Im digitalen Zeitalter reicht es nicht mehr, daß die Herrschenden ein paar tonangebende, korrupte Zeitgeistjournalisten einkaufen. Heute kann jeder Geheimnisse leaken und damit der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen. Die New York Times und der Deutschlandfunk sind daher nicht mehr so wichtig, verlieren ihre Filterfunktion. Deswegen hassen so viele Mainstreamjournalisten Wikileaks.

Diese neuen Möglichkeiten verdichten sich in der Person Assange und Wiki-leaks. Er verleiht der titelgebenden „fünften Gewalt“ neben der „vierten Gewalt“, den Mainstreammedien, ein Gesicht.

Als Antwort auf den langerwarteten Zwei-Stunden-Streifen „Inside Wiki-leaks“, der an den Kinokassen bislang ein Flop war, bewirbt die Assange-Fraktion den Low-Budget-Film „Mediastan“. Dieser beschreibt die Arbeit der Enthüllungsplattform und die Arroganz von Big Media.

Der Film ist voll von schrägen Szenen aus dem wirklichen Leben. Es geht um eine Gruppe junger Wikileaks-Aktivisten, die in Assanges Auftrag zentralasiatische Journalisten aufsuchen, um ihnen Geheim-informationen von Wikileaks anzubieten. Der Film widerlegt damit auch die in „Inside Wikileaks“ durchgängig vermittelte Behauptung, Wikileaks sei ein Ein-Mann-Verein, dem außer Assange höchstens einige weitere Taschenträger angehören.

Die angesprochenen Journalisten reagieren sehr unterschiedlich. So erklärt ein asiatischstämmiger Chefredakteur aus Kasachstan, er sei gegen Demokratie: „Ich glaube nicht an den Ein-Mann-eine-Stimme-Quatsch.“ Ein tadschikischer Kollege entscheidet sich gegen die Veröffentlichung einer Geschichte über einen geplanten Putsch, weil er fürchtet, von dem Putschisten verklagt zu werden. Ein kirgisischer Redakteur eines Liberty-Radiosenders will, darf das Wikileaks-Material aber nicht annehmen. „Wir werden vom amerikanischen Kongreß bezahlt.“ Plötzlich steht die Finanzierung auf dem Spiel.

Durch „Mediastan“ wird der Vorwurf gegen Assange relativiert, er sei zu sorglos im Umgang mit den Informationen gewesen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Die Medien, denen er die Depeschen für die parallele Veröffentlichung ausgehändigt hat, waren aus Rücksicht auf die Mächtigen zu strikt, haben Informationen getilgt und Texte auf die Hälfte heruntergekürzt.

Personifiziert wird diese Haltung durch Alan Rusbridger, den Chef des Guardian, der von Assange im zweiten Teil des Films interviewt wird. Rusbridger rechtfertigt die Kürzungen, wird aber immer nervöser, macht Erinnerungslücken geltend und sieht auf die Uhr. „Um fünf nach muß ich gehen“, sagt er verzweifelt.

Der Auftritt des Briten wird nur noch übertroffen durch einen direkten Untergebenen von Hillary Clinton, der berichtet, wie gut seine Regierung mit der New York Times zusammenarbeitet. Und Bill Keller von ebenjener Zeitung räumt ein, daß es regelmäßige Telefonkonferenzen zwischen State Department und Redaktion wegen Wikileaks gegeben habe. Dann schimpft er auf den Drudge-Report, ein rechtskonservatives Nachrichtenportal in den USA.

Mit anderen Worten: Die Mächtigen und die führenden Zeitungen in England und Amerika kooperieren ausgezeichnet miteinander. Unabhängige Netzseiten stören da nur, sind unliebsame Konkurrenten für Big Media. Es ist diese Zusammenarbeit, die die Filmemacher zu dem ungewöhnlichen Namen „Mediastan“ inspiriert haben.

Vor „Inside Wikileaks“ und „Mediastan“ waren bereits der Pro-Wikileaks-Film „Underground“ (JF 43/12) über den jungen Julian Assange auf den Markt gekommen – und jene Anti-Wikileaks-Doku „We Steal Secrets“. Ob Multimillionen-Dollar-Produktion oder Mini-Budget-Film: Der cineastische Kampf um die Deutung von Wikileaks tritt nun mit „Inside Wikileaks“ und „Mediastan“ in eine neue Phase.

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