© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  13/11 25. März 2011

Belagert und verlassen
Lampedusa: Einwohner rebellieren gegen Zustrom illegaler Einwanderer / Rom verspricht Abhilfe
Paola Bernardi

Körper an Körper gepreßt standen die Menschen auf dem Schiff, das sich dem Hafen näherte. Junge Männer, manche spreizten die Finger zum Siegeszeichen. Begleitet wurde ihr alter Kahn von zwei Marine-Booten. Noch während sich die illegalen Zuwanderer am Ziel wähnten, schallte ihnen per Megaphon entgegen: „Haut ab, wir haben keinen Platz für euch“ und die Marine wurde aufgefordert: „Bringt sie wieder weg aus Italien.“ Eine große Menschenmenge hatte sich auf der Mole versammelt und verhinderte das Einlaufen der Schiffe.

Der Aufstand der Inselbewohner von Lampedusa gegen die seit Wochen ankommenden Zuwandererströme übers Meer erreichte jetzt seinen Höhepunkt. Die Geduld der knapp 5.000 Bewohner auf der nur zwanzig Quadratmeter großen Insel scheint endgültig zu Ende. Die Menschen leben hier vor allem vom Tourismus und dem Fischfang. Die neue Saison steht vor der Tür, doch die Buchungen bleiben aus und die Stornierungen für Ostern häufen sich. Vor allem ist die Bevölkerung darüber beunruhigt, daß die Flüchtlinge sich frei bewegen dürfen. Allein am letzten Wochenende war die Zahl der Zuwanderer auf über  5.000 angestiegen, und die Schiffe landen weiter, nachdem das Meer sich beruhigt hat.

Seit Wochen schon warnt Bürgermeister Dino De Rubeis von der rechten Mitte vor der Gefahr, daß „Lampedusa explodieren“ wird. Der Staat müsse diesen Notstand endlich beheben, forderte er. Denn das Auffanglager ist längst überfüllt. Die jungen Flüchtlinge kampieren bereits auf der Straße. Eine neue Zeltstadt sollte errichtet werden, doch dies haben die Inselbewohner bis dato verhindert.

 Am Dienstag hat Rom einen Notfallplan präsentiert. Demnach sollen die Regionen je nach Einwohnerzahl insgesamt bis zu 50.000 Flüchtlinge aufnehmen. Parallel dazu sicherte Innenminister Roberto Maroni den Inselbewohnern zu, die Migranten schnellstmöglich auf das Festland zu bringen und bat um Unterstützung der Europäischen Union.

Dennoch geht in Lampedusa die Angst um. Bis jetzt waren es vor allem Tunesier und Marokkaner, die den Weg übers Mittelmeer wagten. Doch fällt auch Libyens Diktator Gaddafi, dann rückt die arabische und nordafrikanische Welt ganz nah.

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