© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 49/15 / 27. November 2015

Ein Schiff wird kommen ...
Asylkrise: Wegen des Ansturms an Immigranten hat Schweden Grenzkontrollen eingeführt. Ohne gültige Reisedokumente kommt niemand auf die Fähre. Die Folgen dieser restriktiveren Politik spüren die deutschen Hafenstädte
Hinrich Rohbohm

Der Satz klingt merkwürdig, macht einen aber zunächst nicht weiter stutzig. „Bitte beachten Sie: Momentan kann es bei der Online-Buchung von Fußpassagieren zu Problemen kommen.“ In diesem Fall solle man sich direkt „an den Check-in vor Ort“ wenden. So steht es auf der Internetseite der Schiffsgesellschaft Stena-Line, die eine Fährverbindung von Rostock nach Trelleborg in Südschweden betreibt. Und tatsächlich: Als wir versuchen, eine Fahrkarte als Fußpassagier zu buchen,  klappt das nicht.

„Das gerät hier langsam alles außer Kontrolle“

Auch bei der zweiten Fährgesellschaft, der TT-Line, ist eine Reservierung nicht möglich. Was mag da geschehen sein? Versuche, einen Platz über andere Anbieter zu bekommen, schlagen ebenfalls fehl. „Ausgebucht“ erscheint als Antwort. Ausgebucht? Im November, weit außerhalb der Hochsaison?

Wir fragen in einem Rostocker Reisebüro nach. Auch dort können sie eine Buchung nicht vornehmen. „Merkwürdig, so etwas haben wir ja noch nie gehabt“, wundert sich die Mitarbeiterin. Erst am Schalter des Fährterminals am Rostocker Überseehafen erfährt der Passagier den Grund für die Buchungsschwierigkeiten. „Wir haben im Moment mit einem gewaltigen Ansturm an Flüchtlingen zu kämpfen“, klärt die Bedienstete uns auf. Viele Migranten würden ihr Fährticket online buchen, hätten aber dann vor Ort nicht die inzwischen benötigten Reisedokumente dabei.

Der Hintergrund: Weil Schwedens Aufnahmekapazitäten für Einwanderer längst überschritten sind, hat dessen rot-grüne Minderheitsregierung verfügt, wieder Grenzkontrollen einzuführen. „Haben die Flüchtlinge keinen Paß, müssen wir sie hier schon abweisen“, erklärt die Mitarbeiterin der Reederei. Die Folge: ein Rückstau in Deutschland. Überfüllte Fährterminals, gestrandete Migranten, die nun in Rostock festsitzen.

Zelte sowie Tische und Bänke wurden vor dem Fährterminal aufgebaut, Dixi-Klos herangeschafft. Flüchtlingshelfer mit „Refugees welcome“- Ansteckern und neongelben Westen verteilen Lebensmittel, reinigen regelmäßig den Warteraum der Abfertigungshalle vom anfallenden Müll. Sechsmal am Tag startet in den Wintermonaten eine Fähre von Rostock nach Trelleborg. „Zeitweise kamen pro Fahrt 100 Flüchtlinge an Bord“, sagt einer der Helfer. Der Ansturm sei aber noch größer gewesen, viele mußten auf die nächsten Fähren warten.

Mit der Wiedereinführung der Grenzkontrollen habe der Zustrom nachgelassen. Die Migranten reisen überwiegend mit dem Zug aus Hamburg an. „Viele kommen jetzt aber schon gar nicht mehr zum Fährhafen, weil die Polizei sie schon am Rostocker Hauptbahnhof kontrolliert“, erklärt der Helfer. Könnten die Einwanderer keinen Paß vorweisen, müßten sie entweder den Rückweg antreten oder würden in Flüchtlingsunterkünften der Ostseemetropole untergebracht.

Viele Rostocker sehen diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. „Hilfe ist ja schön und gut. Aber alles hat doch Grenzen. Wohin soll das alles noch führen? Das müssen wir doch alles mit unseren Steuergeldern bezahlen“, sind Aussagen, die auf der Straße immer wieder zu hören sind. Genauso wie Klagen darüber, daß Sporthallen nun nicht mehr genutzt werden könnten, weil sie inzwischen als Notquartiere für Asylbewerber dienen. 

„Dabei kann  so mancher hier schon kaum noch seine Miete bezahlen“, klagt eine Taxifahrerin. Hinzu kämen immer wieder Polizeieinsätze in den Flüchtlingsunterkünften, die die Bevölkerung beunruhigen würden.

So auch wenige Tage nach den Terroranschlägen von Paris, als ein Großaufgebot an Streifenwagen zu einem ehemaligen Hotel in den Rostocker Stadtteil Toitenwinkel raste. Das Hotel ist zum Asylbewerberheim umfunktioniert worden. Ein Anwohner will dort den mutmaßlichen belgischen IS-Terroristen Salah Abdeslam erkannt haben. Der soll den schwarzen VW Polo angemietet haben, der am Freitag, dem 13. November, in Paris vor der Konzerthalle Bataclan gesehen wurde, in der IS-Attentäter 89 Menschen ermordet hatten. Zwar wurde Abdeslam bei der Durchsuchung der Räume nicht gefunden, doch die Verunsicherung bleibt. „Wer sagt uns denn, daß unter den Flüchtlingen nicht auch Terroristen sind?“ lautet die Befürchtung mancher Rostocker.

Die Kontrollen im Fährverkehr zwischen Rostock und Trelleborg jedenfalls sind trotzdem nur geringfügig zu spüren. Wer kein Flüchtling ist, für den haben die schwedischen Grenzkontrollen so gut wie keine Auswirkungen. Auch am Rostocker Check-in-Schalter wird nicht einmal nach dem Personalausweis gefragt. Polizei ist am Fährterminal nicht zu sehen. Die Zelte wurden inzwischen wieder abgebaut. Die Tische und Bänke liegen säuberlich aufgestapelt neben den Dixi-Klos, die Zahl der ankommenden Einwanderer ist überschaubar geworden.

Sie sitzen in der Wartehalle. Unter ihnen auffällig viele Frauen und Kinder. Ihre Männer sind bereits in Schweden, sagen sie. Der Nachzug der Familien scheint bereits in vollem Gange zu sein. Für die Kinder haben sie Wolldecken auf den Boden gelegt. Die Helfer haben ihnen Stifte und Papier gegeben. „Es ist wichtig, ihnen während der nervenaufreibenden Warterei eine Beschäftigung zu geben“, sagt einer der Freiwilligen. An einer Wand hängt eine Fülle gemalter Bilder. Und Botschaften wie „I love Germany“ oder „We want peace. Syria.“ 

Die Kinder hätten das laut Auskunft der Helfer alles selbst angefertigt. „Können die denn schon schreiben und dazu noch auf englisch?“ wollen wir wissen. Die Helfer stutzen, weichen aus. Wir haken noch einmal nach. „Na ja, also es sind ja nicht nur Kinder, auch Jugendliche und so“, kommt als Antwort. Die Helfer arbeiten ehrenamtlich. Häufig sind es Studenten, die unter dem Motto „Rostock hilft“ für die meist arabischen Einwanderer tätig sind, sie auch auf der Fahrt mit der Fähre begleiten. „Diesmal sind es 33“, ruft eine Helferin dem Fährpersonal zu. Die Reisestrapazen sind den Migranten anzumerken. Auf der sechsstündigen Fahrt nach Trelleborg liegen viele mit dem Kopf auf dem Tisch, schlafen. Andere haben sich auf Bänken zusammengerollt oder zwei Stühle zusammengezogen. 

Ein stechender Geruch wabert durch die Schiffsräume. Kaum einer der Migranten hatte auf seinem Weg nach Mitteleuropa die Gelegenheit zu ausgiebiger Körperhygiene. Einige machen sich notdürftig mit Parfum frisch. 

In Trelleborg angekommen, müssen sie zunächst an Bord bleiben. Ein halbes Dutzend schwedischer Polizisten kommt auf das Schiff. Paßkontrolle.  Alle anderen Passagiere können die Fähre ohne ein Reisedokument vorzuzeigen verlassen. „Die kontrollieren eigentlich nur die Flüchtlinge, bei allen anderen machen sie höchstens mal Stichproben“, erzählt ein Matrose der JUNGEN FREIHEIT.

Erstaunlich ist das schon. Schließlich hatte Schweden gerade erst die zweithöchste Terrorwarnstufe im Land ausgerufen. Außer von Rostock kommen auch Fähren von Saßnitz und Travemünde nach Trelleborg, ebenfalls regelmäßig mit Dutzenden von Einwanderern als Passagieren an Bord. Von Trelleborg aus begeben sich die meisten von ihnen zunächst ins nur wenige Kilometer entfernte Malmö. Die Stadt ist per Bus schnell und unkompliziert zu erreichen. „Manchmal kommt die Polizei und kontrolliert in den Bussen“, erzählt ein Fahrer. Aber auch das würde allenfalls stichprobenartig erfolgen.

In Malmö sind die Aufnahmekapazitäten längst überschritten, die bereits in der Stadt lebenden Migranten bei weitem noch nicht integriert. Im Gegenteil. Ganzen Stadtteilen droht schon seit einigen Jahren die Ghettoisierung, immer wieder war es in der Vergangenheit zu Unruhen gekommen (JF 23/13). Und jetzt erreichen zusätzlich 1.500 Flüchtlinge pro Tag allein diese Stadt.

Das hat Gründe. Denn Malmö ist aufgrund seiner geographischen Lage so etwas wie ein Nadelöhr für Migranten auf dem Weg nach Skandinavien. Über einen Bahndamm ist es mit der dänischen Hauptstadt Kopenhagen verbunden, die wiederum von Hamburg aus ohne Umstieg mit dem ICE zu erreichen ist. Das Problem für die meist illegalen Einwanderer: Auch Dänemark hat seine Kontrollen verschärft, der Weg mit der Fähre erschien vielen bisher erfolgversprechender.

„Es nervt total, ständig gibt es Verspätungen bei der Bahn, weil die Polizei Flüchtlinge kontrolliert“, flucht Igor. Der 32jährige aus Rußland stammende Schwede muß es wissen. Er lebt seit zehn Jahren in Malmö. Regelmäßig nutzt er den Flughafen von Kopenhagen für Geschäftsreisen und Verwandtenbesuche, fährt mit dem Zug von Malmö aus in die dänische Metropole. „In den vergangenen Monaten ist es richtig schlimm geworden, das gerät hier langsam alles außer Kontrolle“, sagt er und spricht von immer mehr Flüchtlingen, die auf der Straße schlafen, weil die Aufnahmeeinrichtungen überfüllt seien. Auch am Bahnhof von Malmö sei dies phasenweise zu spüren. 

„Ich verstehe nicht, wieso die Regierung nicht die Notbremse zieht. Da muß man doch die Grenze erstmal vollständig schließen, wenn die Situation zu kritisch wird.“ Alle drei Monate sei normalerweise seine Mutter zu ihm zu Besuch gekommen. „Ich hatte sie dann immer vom Kopenhagener Flughafen abgeholt und später wieder dorthin begleitet. Diesmal habe ich ihr abgesagt.“ Erst kürzlich hatte es am Flughafen eine Bombendrohung gegeben. „Ich glaube zwar nicht, daß das etwas mit den Flüchtlingen zu tun hat. Aber die Situation insgesamt wird langsam einfach kritisch. Ich fühle mich so, als würde ich auf einem Pulverfaß sitzen. Und ich weiß nicht, wann es explodiert“, schwant Igor nichts Gutes.





Entscheidung mit Folgen

Wegen der großen Zahl an Immigranten – allein seit September kamen 80.000 Asylbewerber – hat Schwedens sozialdemokratischer Innenminister Anders Ygeman Mitte November die Wiedereinführung von Grenzkontrollen verkündet (JF 48/15). Da auch Dänemark die Einreisekontrollen verschärft hat, bildete sich ein Rückstau in Deutschland. Schleswig-Holsteins rot-grün-dänische Koalition teilte daraufhin mit, vorübergehend keine Flüchtlinge, die aus Bayern überstellt würden, mehr aufzunehmen. Die ursprünglich auf zehn Tage befristeten Grenzkontrollen hat Schweden nun nach den Anschlägen von Paris bis zum 11. Dezember verlängert.