© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 12/21 / 19. Mrz 2021

Rheinwiesenlager als Stachel im Fleisch
Horst W. Gömpel präsentiert Dokumente und Zeugenaussagen zu einem Nachkriegsdrama
Matthias Bäkermann

Als besonders empörend empfanden die deutschen Soldaten, die in den Rheinwiesenlagern 1945 für Wochen und Monate vegetieren mußten, daß ihre US-amerikanischen Bewacher an ihrer Lage etwas ändern konnten, aber – das ist vielleicht der große Unterschied zu den Sowjets – es nicht wollten. Der damals 19jährige Augenzeuge Rolf Wessmuth im Lager Bad Kreuznach erinnert sich, daß reihenweise die vom Hunger geschwächten Kameraden zusammenbrachen, als jenseits des Stacheldrahtes ihre lachenden amerikanischen Bewacher Brotlaibe in Tonnen verbrannten.

Man schätzt, daß mindestens anderthalb Millionen Kriegsgefangene in den 23 Lagern an Rhein, Nahe und Neckar interniert und somit dem Strafgericht des US-Kommandierenden Dwight D. Eisenhower am direktesten ausgesetzt waren. Denn eine Lagerinfrastruktur wie Küchen, Latrinen oder Krankenreviere gab es anfangs nicht. Da den deutschen Soldaten bei der Kapitulation nicht nur die Waffen, sondern auch die Feldausrüstung wie Zeltbahnen weggenommen wurden, mußten diese wochenlang schutzlos auf freiem Feld kampieren. In manchen Lagern konnten sich einige mit primitiven Mitteln immerhin Erdlöcher als Schutz vor Regen und Wind graben. 

Über die Opferzahl in diesen Lagern herrscht Unklarheit, eine fünfstellige Zahl gilt als fundiert, die geschätzte Zahl von einer Million Toten, davon 700.000 in US-Lagern, des kanadischen Historikers James Bacque von 1990 wird hingegen von der etablierten Zunft als völlig übertrieben verworfen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse der von 1957 bis 1974 tätigen Maschke-Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen wurde unter Willy Brandt 1969 unterdrückt, da sie „der auf Versöhnung gerichteten Außenpolitik der Bundesregierung nicht dienlich“ sei.

So nimmt es nicht wunder, daß der hessische Kaufmann Horst W. Gömpel erst als 75jähriger auf dieses in der Gedenkpolitik der Bundesrepublik nur auf kleinster Flamme gekochte und im Geschichtsunterricht keine Rolle spielende Nachkriegsdrama aufmerksam wurde. Seither trägt er aber fleißig Dokumente, Fotos, Presseartikel und Zeitzeugenberichte zusammen, deren Auswahl er nun in einem Buch präsentiert. Darunter sind einige von 4.000 amtlich beglaubigten Zeugenaussagen über Verbrechen alliierter Soldaten im Umgang mit gefangenen deutschen Soldaten.

Horst W. Gömpel: Rheinwiesenlager 1945–1948. Ein Trauerspiel in Deutschland. Eigenverlag, Schwalmstadt-Freysa 2020, Broschiert, 214 Seiten, Abb., 17,50 Euro