© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 14-21 / 02. April 2021

Die Pflicht, Europa zu führen
Frankreichs Ex-Präsident ­Nicolas ­Sarkozy überrascht im ersten Band seiner Autobiographie durch schonungslose Offenheit
Jürgen Liminski

Es ist ein ehrliches, manchmal sogar übertrieben ehrliches Buch. ­Nicolas Sarkozy verschont niemanden, auch nicht mit seinem Lob. Aber das macht gerade den Reiz des ersten Bandes seiner Autobiographie aus. Wenn man sich nach den ersten Seiten daran gewöhnt hat, daß hier einer besonders gern über sich und seine Gedanken redet, dann lesen sich die restlichen knapp 400 Seiten mit Vergnügen. Denn so offene Sätze sind im Polit-Sprech selten. Zum Beispiel über seine Abneigung gegenüber dem Parteifreund Debré: „Ich hätte mich anders verhalten müssen. Das wäre geschickter und klüger gewesen, doch es überstieg meine Kräfte. Ich habe nicht die Fähigkeit, anderen Hochachtung vorzuspielen.“ Oder zu seinem Vorgänger Hollande: „Wie alle Präsidenten außer François Hollande würdigte ich die Taten und Personen all meiner Vorgänger.“ 

Oder auch zu Frankreich selbst, dem er oft und immer wieder seine Reverenz und Liebe bekundet: „Gesundes Mittelmaß ist bei uns selten.“ Und wie zur Bestätigung führt er im Zusammenhang mit Europa und der Unterzeichnung des Lissabon-Vertrags aus, daß Frankreich die Nummer eins in Europa ist und andere Länder, vor allem solche, die immer um einen Konsens bemüht sind, schlicht zu folgen hätten. 

Diese Idee ist nicht nur Sarkozy eigen, sie gehört zur DNA der Herren im Elysee. Sarkozy formuliert sie so: „Europa kann ohne Leadership nicht überleben. Der ganze Kontinent wartet auf neue Ideen und eine Person, die in der Lage ist, sie zu vertreten. Um solche Initiativen auf den Weg zu bringen, darf man nicht auf einen Konsens hoffen. Es wird ihn nie geben, er wird die Folge der Initiative sein, nicht ihre Ursache. In meinen Augen gibt das Frankreich einen großen Handlungsspielraum, gepaart mit hoher Verantwortung. Europa zu führen ist kein Recht der Franzosen. Es ist ihre Pflicht, denn wenn wir es nicht tun, tut es keiner. Die großen und kleinen Länder auf unserem Kontinent haben dieselben Rechte, aber auch die dieselben Pflichten. Frankreich hat mehr als andere, das ist seine Bestimmung und seine Ehre.“

Es sind solche Visionen und dogmatisch anmutende Sätze, die das Buch ebenso auszeichnen wie einzelne, bisher unbekannte Details dieser Präsidentschaft. Zum Beispiel eine bakterielle Entzündung (Phlegmone) im Halsbereich, die dringend operiert werden mußte, weil sie sich rasch lebensgefährlich ausweitete. Das war kurz vor einem Staatsbesuch in Marokko. Die Ärzte rieten dazu, den Besuch abzusagen. Er entschied sich für eine Operation und zwar sofort, damit der Staatsbesuch stattfinden könne. Das allerdings ging nur ohne Narkose. Er ließ sich auf der Reise nichts anmerken, schon weil die Medien, wie er berichtet, nur auf Schwächezeichen von ihm warteten. 

Über weite Strecken gewinnt der Leser überhaupt den Eindruck, als befinde sich Sarkozy nicht nur gegenüber den Medien, sondern allgemein im Verteidigungsmodus. Unbekannte Einzelheiten über heute vor Gericht ausgetragene Fälle seines Handelns (wie die Wahlkampffinanzierung) finden sich freilich nicht.

Ein echter Mangel des Buchs ist seine fehlende Struktur. Es gibt kein Inhaltsverzeichnis, keine Kapitelunterteilung, geschweige denn ein Personen- oder Sachregister, was digital doch leicht zu erstellen wäre. So liest sich das Buch wie ein unfertiges Manuskript, so als ob der Ex-Präsident, der immer noch in der Politik beratend mitmischt, in einem Gespräch einfach erzählt, was ihm zum Fluß der Ereignisse in den fünf Jahren Präsidentschaft so einfällt. Die Erzählkunst sei unbestritten, verstärkt wird sie noch in der insgesamt gelungenen (und schnellen!) Übersetzung. Bemerkenswert sind dabei seine Beschreibungen von Personen. Kurz, prägnant, treffsicher und auch mit einem Schuß herablassend-ironischer Polemik charakterisiert er französische Politiker: „François Bayrou hat die von ihm ausgesuchten Partner immer verraten (...) Ich habe mich immer gefragt, wie er darauf kam, daß seine Ansichten so wertvoll seien“, mit diplomatischer Höflichkeit, aber ebenso prägnant erzählt er von seinen Besuchen und Begegnungen im Ausland bei Putin, Bush und in China, Nahost und Afrika.

Es ist verständlich, daß ein Mann mit so viel Selbstwertgefühl sich ungezwungen in ein gutes Licht stellt. So endet das Buch mit einem Satz, der ihn selber charakterisiert: „Das ist der Sinn von Politik: Großes wollen, Weitsicht haben, sich um die Zukunft kümmern.“ Für die konkrete Umsetzung, die reale Politik im Alltag, bedarf es freilich noch eines Details: Das Volk, der Wähler muß mitziehen. Sonst ist die Weitsicht begrenzt und die Zukunft allzu befristet.  

Nicolas Sarkozy: Die Zeit der Stürme, Band I. Morstadt Verlag, Kehl am Rhein, 2021, gebunden, 391 Seiten, 29,90 Euro