© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 18-21 / 30. April 2021

„Ich werde nicht verrecken“
Gedanken über das Sterben: Vor einem Jahr wurde bei der Journalistin Laila Mirzo Darmkrebs diagnostiziert. Ein JF-Besuch bei einer willensstarken Frau
Martina Meckelein

Irgendwann im Laufe des Gesprächs wird sie einmal sagen, und das in diesem für Norddeutsche so unnachahmlichen süddeutschen Singsang: „Weist, ich werde nicht verrecken, ich will selbstbestimmt sterben.“ Während dieser Worte wird Laila Mirzo (42) prüfend auf ihre Pfeife, die sie in ihrer linken Hand hält, schauen. So, als ob sie auf ihr Leben schaut: Brennt es noch? Die freie Autorin und alleinerziehende Mutter zweier kleiner Kinder hat Krebs und geht mit ihrer Krankheit offensiv um. Sie will Gerüchte, die sich wie ein Lauffeuer im Internet verbreiten können, zuvorkommen. Wenn sie schon die Kontrolle über die Gesundheit zu verlieren droht, so doch nicht über die Deutungshoheit.

Und das mag auch mit ihrer Vita zusammenhängen. Mirzo wurde 1978 in Damaskus geboren. Auch wenn die syrisch-kurdische Familie ihres Vaters liberal war, zog ihre deutsche Mutter mit der kleinen Tochter 1989 zurück nach Bayern. 2007 konvertierte die Muslimin zum Katholizismus. In ihrem 2018 erschienenen Buch „Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim“ warnt sie vor der im Westen gern vertretenen These, der Islam passe zu Europa. 

„Nicht zum Arzt gegangen – aus Angst vor Corona“

Im blauen Blumenkleid und Turnschuhen, die obligatorische Pfeife im Mund, die Harke in der Hand, so begrüßt Mirzo den Besucher schon im Vorgarten des Dreifamilienhauses in Berlin-Frohnau. „Ist die Magnolie nicht wunderschön?“ fragt sie unvermittelt und lächelt. „Dieses Jahr blüht sie in rosa, vergangenes Jahr noch in weiß.“ In Blumenkästen sprießen Lupinen.

Die Kräuterspirale hat sie gebaut, selbst Stein auf Stein gesetzt. Neben einer alten Zinkwanne steht ein Eimer voller Wasser, in dem eine Seerose schwimmt. Sie soll demnächst in die Wanne umziehen. „Ich bin eine begeisterte Gärtnerin, da vergesse ich alles, arbeite bis zum Umfallen.“ Für die Fotos hat sie sich nicht geschminkt. „Mir ist heute nicht danach“, sagt sie und richtet ihr Gesicht der Sonne entgegen und schließt die Augen. Einen kurzen Augenblick ist sie ganz still. Der Fotoapparat klickt leise. Sie muß sich nicht schminken, sie ist auch so eine schöne Frau. „So, jetzt geht es ins Haus“, sagt sie entschieden. Und das wirkt wie: Sprechen wir jetzt über den Krebs. 

 „Alles begann Anfang vergangenen Jahres“, erinnert sie sich und drückt sich tief in einen Sessel im Wintergarten ihrer Mietwohnung. „Ich wurde immer schwächer, bekam keine Luft mehr, konnte keine Treppen steigen.“ Da hatte Mirzo gerade einen Umzug aus Österreich hinter sich, einen Job im Bundestag bei der AfD begonnen. „Ich bin lange nicht zum Arzt gegangen – aus Angst vor Corona. Ich konnte doch da nicht als Einstand eine Infektion mitbringen.“ 

Nach nur zwei Wochen sollten mit einem Videoteam Promo-Filme für die AfD gedreht werden. „Ich diente vorab als Lichtmodel, die wollten schauen, ob sie auch die Szene gut ausgeleuchtet hatten. Als ich mich dann selbst in der Kamera sah, dachte ich, mein Gott, da steht eine tote Frau.“ Noch am selben Tag ging Mirzo wieder zum Arzt. „Mein Hämoglobinwert, also der Anteil des roten Blutfarbstoffes, der den Sauerstoff transportiert, war auf den Wert 4,7 gesunken. Normal sind bei Frauen 12 bis 16.“ Klinik! Noch in der Nacht werden drei Bluttransfusionen gelegt, am folgenden Tag nochmals eine. Zwar können die Ärzte dadurch den Blutverlust ausgleichen, doch die Frage nicht beantworten: Wo ist das Leck?

 Eine Magenspiegelung ist negativ, die Lunge ohne Befund. Dann die Darmspiegelung. „Nach der Untersuchung kam eine Ärztin zu mir. Ich saß in einem Armlehnstuhl. Sie sagte: „Es ist ein Tumor, und der will Ihnen an den Kragen.“ In dem Moment drehte sich alles in meinem Kopf. Ich schlug auf die Stuhllehne und dachte, ich müßte nur den Notausknopf drücken, um diese Szene zu stoppen.“ 

Nach dem Gespräch ist Mirzo stumm. Sie spricht mit niemandem, informiert auch nicht ihre Familie. Die Kinder fahren nach Österreich zum Vater. „Ich wollte für sie noch ein paar Stunden Normalität rausschinden.“ Noch einmal darf sie kurz nach Hause. „Eine irre Nacht, voller Panikattacken“, in der sie ihre Mutter anruft und sagt: „Mama, ich habe Krebs.“ Dann, an einem Freitag, wird sie operiert. „70 Zentimeter Darm wurden rausoperiert. Der Tumor war durch die Darmwand gebrochen, hatte sich um die Bauchspeicheldrüse gelegt. Zum Glück war sie aber tumorfrei.“ Doch für Mirzo ist von dem Moment an nichts mehr wie früher. „Ich habe Gott gefragt, warum strafst du mich?“ Drei Wochen liegt sie in der Klinik. Hadert sie erst mit Gott, beginnt sie etwas später den Krebs zu beschimpfen. „Da kamen meine ganze Traurigkeit, Wut und meine ganze Verzweiflung raus. Das Mobbing im Sport, das ich erlebte, das Hintergehen durch Freunde und Partner. Und dann dachte ich mit einem Mal: Genau das alles hat sich dort über Jahre gesammelt und ist jetzt mit dem Tumor raus. Und dann habe ich mich bei ihm dafür bedankt, daß er das Schlechte aufgenommen hat.“

Drei Wochen bleibt sie im Krankenhaus, eine Woche noch zu Hause, und dann stürzt sie sich wieder in die Arbeit. „Ich wollte mein Leben zurück.“ Im Juli fährt sie nach Österreich in den Urlaub. Auf der Rückfahrt überholt sie ein Motorrad, gesteuert von einer Frau, deren lange blonde Haare unter dem Helm hervorwehen. Mirzo fuhr selbst Motorrad, wollte sich später mal eines kaufen. „Und in dem Moment dachte ich bei mir: Hey, vielleicht wirst du keine 50 mehr.“ Ein paar Tage später steht eine Suzuki Bandit mit 77 PS in der Garage.

„Es ist eben keine Schande, gebrechlich zu sein“

Der Sommer vergeht, im Herbst beginnen wieder Schmerzen im Bauch. „Ich hätte eine Anpassungsstörung, sagte mir ein Psychologe. Ich würde mich zu sehr auf meine Schmerzen konzentrieren.“ Es hilft nichts, die Schmerzen werden stärker, Mirzo wird müder. Am 21. Januar wieder eine Darmspiegelung. An der Dickdarmnaht sei eine Engstelle, so die Ärzte. Der Darm wird geweitet. Die Schmerzen bleiben. Sechs Wochen später wird Mirzo mit unerträglichen Schmerzen wieder in die Klinik eingeliefert. Man vermutet einen Abszeß – doch Mirzos Hoffnung ist vergebens. Der Krebs ist zurück. 

„Beim zweiten Mal habe ich nur noch geheult, da gab es keine Sinnfragen mehr, da war mein einziger Gedanke, wie sag ich es meinen Kindern?“ Mirzos Mutter ist unterdessen schon von Linz nach Berlin gezogen. Die ehemalige Krankenschwester kümmert sich um die Kinder und um ihre Tochter. Wieder macht Mirzo die Nachricht öffentlich, schreibt auf Facebook am 4. März: „Das Leben will nicht immer, wie man selbst will. Oder alles hat irgendwo einen Sinn? Darüber kann ich jetzt viel nachsinnen. Morgen geht es für mich leider wieder in den Operationssaal. Haltet einander fest, besucht euch und lacht, sagt euren Kindern, wie toll sie sind und genießt jeden Augenblick.“

 „Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen auf solche Nachrichten reagieren“, erinnert sie sich. „‘Er ist wieder da’, schrieb ich einer Freundin – und die fragte mich nur: ‘Wer jetzt? Hitler oder der Krebs?’, da mußte ich lachen.“ Andere Bekannte fragen sie nur, wieviel sie abgenommen hätte? Wieder andere meinen ihr sagen zu müssen, sie habe den Krebs bekommen, weil sie dick sei. 

„Nicht zu vergessen natürlich die Nichtraucherfraktion“, schmunzelt Mirzo. „Auf die Fragen, warum ich noch rauche, antworte ich immer, daß ich schließlich keinen Lungenkrebs habe.“ Im Ernst, nach den Operationen rauchte Mirzo nicht. „Das hilft der Wundheilung“, sagt sie. „Und dann erlaube ich mir noch an Wilhelm Busch zu erinnern: ‘Drei Wochen war der Frosch so krank! Jetzt raucht er wieder. Gott sei Dank!’“, sagt sie und zieht den Pfeifentabak demonstrativ ein.

„Und dann gibt es noch diese Gurugläubigen. Die ungefragt zu irgendwelchen Schamanen raten. Dabei bin ich mit meiner Krankheit nur in die Öffentlichkeit gegangen, um keine Gerüchte entstehen zu lassen und anderen Betroffenen zu zeigen, daß gerade in unserer Zeit, wo es nur um Leistung geht, es eben keine Schande ist, gebrechlich oder krank zu sein. Ein starker Mensch kann auch mal schwach sein, es geht nur darum, wieder aufzustehen.“

 In der zweiten Operation werden ihr der gesamte Dickdarm, ein Teil des Dünndarms, die Gebärmutter, ein Eierstock und ein Teil der Nieren entfernt. „Das Schlimmste an der Krankheit sind nicht diese Schmerzen“, sagt Mirzo. „Das Schlimmste ist der Kontrollverlust. Ich habe heute mehr denn je Angst davor, auf die Gunst anderer angewiesen zu sein. Ich habe ganz tolle Ärzte und Schwestern kennengelernt, aber eben auch ein paar wenige, die nicht so freundlich sind, die dich anschreien, weil du nichts bei dir behalten kannst. Was war das für ein Triumph, als ich das erste Mal alleine wieder zur Toilette konnte.“

„Vom Arzt breitschlagen lassen“

Seit der Operation kann die Journalistin nicht mehr arbeiten. Immer wieder hat sie Schmerzen, neben der langen Bauchnaht hat sich eine kleine offene Stelle gebildet. „Vielleicht ist meine Zeit wirklich abgelaufen?“ überlegt sie laut. Dann nippt sie an einer Fritz-Kola und schaut aus dem Fenster: „Ich hatte so ein reiches Leben. Ich war viermal verheiratet, habe zweimal ein Haus gekauft, habe alles wieder verloren. Wenn Gott mich jetzt ruft, werde ich nicht betteln. Ich habe schnell gelebt, ich habe schon jetzt soviel erlebt wie andere Menschen, die 90 Jahre dafür alt werden müssen.“

 Es sind Gedanken, die jeder, der einmal in einer vergleichbaren oder ähnlichen Situation war, nachvollziehen kann. „Ich bin Gott nicht böse, wenn es um mich geht – Ich habe nur eine Angst, ich will nicht verrecken. Und ich will eine schöne Leiche sein. Aber wie soll ich es nur anstellen. Ich habe mich aus 50 Metern Höhe abgeseilt, ich bin nicht ängstlich, aber ich kann mich einfach nicht selber pieksen. 

Während sie das sagt, zieht sie den Pfeifenrauch tief ein. Ihre Mutter, die diese Worte gerade hört, als sie einen Kaffee hereinträgt, schaut sie ernst, aber nicht vorwurfsvoll an. „Meine Mutter akzeptiert meine Einstellung und kann mich verstehen“, sagt Mirzo – ihre Mutter schweigt. Ist das nur Spaß am Morbiden? „Machen wir uns doch alle nichts vor, das Leben ist die Kür, der Tod ist die Pflicht“, sagt Mirzo. „Deshalb ärgert mich auch die aktuelle Sterbediskussion, dieses Selbstmordverbot. Jesus hat auch gewußt, daß er verraten wurde und sterben wird und ist nicht geflohen, oder Sokrates – im Grunde haben die doch auch Selbstmord begangen.“

 Ginge es nur um sie selbst, sagt Mirzo, würde sie sich jetzt ein restliches schönes Leben machen, ohne Chemotherapie, die sie ablehne. „Aber dann habe ich mich doch vom Arzt breitschlagen lassen. Er fragte mich, ob ich mir denn über den Ernst der Lage bewußt sei? Jetzt mache ich es für meine Kinder. Ich will nicht, daß sie eines Tages sagen, die Mama hat nicht alles getan, um zu leben. Als Mutter bin ich dazu da, alles für meine Kinder zu tun. Es wäre egoistisch, es nicht zu machen.“ Die beiden Kinder, der Junge ist zwölf Jahre, das Mädchen zehn, gehen ganz unterschiedlich mit der Krankheit ihrer Mutter um. „Der Große googelt alles. Will genau wissen, was ich habe, rät mir dann, verschiedene ärztliche Meinungen einzuholen. Die Kleine blockt total. Früher war sie kuschelig, heute läßt sie sich kaum in den Arm nehmen.“

 Zum Abschied steht Laila Mirzo im Vorgarten und zeigt auf die Seerose: „Vor der zweiten OP fragte ich den Arzt, wie lange es noch dauern würde? Ich wolle im April meine Seerosen setzen. Er lachte und sagte, es sei richtig, wenn ich mir Ziele setzte.“ Ab kommender Woche beginnt die Chemotherapie.

Foto: Laila Mirzo: „Alles begann Anfang vergangenen Jahres. Ich wurde immer schwächer, bekam keine Luft mehr, konnte keine Treppen steigen“