© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 18-21 / 30. April 2021

Der Pionier unserer Ahnenreihe
Paläoanthropologen sichern die Spuren des Homo erectus, der erfolgreichsten und langlebigsten Menschenform
Dieter Menke

Das Wissen um den anatomisch modernen Menschen hat sich in den vergangenen hundert Jahren explosionsartig vermehrt. In den 1920ern überlegten Anthropologen noch, welchen der vielen Zweige der 1856 in einer Höhle des Neandertales nahe Düsseldorf gemachte Skelettfund eines Urmenschen am Stammbaum des Menschen wohl bilde. Man rätselte darüber, ob sich der Homo sapiens unmittelbar aus dem Homo neanderthalensis entwickelt, ob er andere Vorfahren oder ob er eine mit dem Neandertaler gemeinsame Wurzel hatte.

„Das Problem ist gegenwärtig noch vollständig ungelöst“, bilanzierte der Tübinger Anatom Gerhard Heberer 1932 den frustrierenden Forschungsstand. Aber just zwischen 1921 und 1930 lösten britische Paläoanthropologen mit ihren in Rhodesien und im früheren Deutsch-Ostafrika freigelegten frühmenschlichen Schädel- und Kieferresten des Homo erectus eine dichte Folge weiterer, mit spektakulären Entdeckungen belohnter Grabungen aus. Die dabei geborgenen Relikte trugen wesentlich dazu bei, daß sich schließlich in den 1960ern die über der menschlichen Evolutionsgeschichte liegenden Nebel lichteten.

Denn die ostafrikanischen Fossilien konnten als Überreste etwa zwei Millionen Jahre alter Frühmenschen, dem „geschickten“, mit Werkzeug hantierenden Homo habilis und seinem eventuell – dies ist bis heute umstritten – direkten Nachfahren, dem „aufrechten“ Homo erectus zugeordnet werden. In der gegenwärtigen Rekonstruktion der Stammesgeschichte nimmt Homo erectus, der in zwei Auswanderungswellen zwischen 1,8 Millionen und 600.000 Jahren vor heute Afrika verließ, den Platz als gemeinsamer Vorfahr von Neandertaler und Homo sapiens ein.

„Eine ungeheure Vielseitigkeit“

Der Homo erectus, dessen letzte Erdenspur eine Fundstelle auf Java darstellt, verschwindet zwar vor 110.000 Jahren aus dem Blickfeld der Archäologen. Trotzdem fasziniert er immer noch, wie der Wissenschaftsjournalist Thorwald Ewe in seinem Paläoanthropologie-Überblick berichtet (Spektrum der Wissenschaft, 3/21). Für die kostenintensiven Forschungsanstrengungen liefere diese Menschenart hinreichend gute Gründe. Weil sie die unangefochtene Pionierrolle in unserer Ahnenreihe spiele, da sie mit größerem Gehirnvolumen, deutlich längeren Beinen als Armen sowie längeren Gliedmaßen im Verhältnis zum Torso weitgehend dem anatomisch modernen Menschen entspreche.

Der Homo erectus war der erste Hominine – der Menschen also –, der sich in der Savanne – über die Zwischenstufe des Fleischdiebs an Raubtierrissen – vom Gejagten zum Jäger wandelte und der als erster das Feuer nutzte. Überdies war er der früheste Vertreter der Gattung, der nach der heute vorherrschenden „Out of Africa“-Theorie den Kontinent Richtung Eurasien verließ. Und er ist die evolutionsgeschichtlich erfolgreichste Menschenart: Der Homo sapiens existiert seit kaum mehr als 300.000 Jahren, während die Ära seines älteren Vorläufers, der „am weitesten verbreiteten Menschenform aller Zeiten“, fast 1,8 Millionen Jahre dauerte.

Daß sich der Aufrechte in seinem täglichen Daseinskampf in unterschiedlichen Lebensräumen dreier Kontinente behauptete, verdankt er laut den stetig sich verfeinernden paläoanthropologischen Erkenntnissen seiner „ungeheuren Vielseitigkeit“. So gelte etwa für diesen Frühmenschen nicht mehr das Forscher-Mantra: „Eine Art – eine Technologie“. Es ist widerlegt, seit Ausgräber in der äthiopischen Region Gona an ein und derselben Fundstelle Fossilien und damit vermengt Steinwerkzeuge fanden, die zwei unterschiedlichen Technologien, urtümlichen und ausgefeilten, zuzuschreiben sind.

Dabei scheinen ältere, zuerst vor 1,7 Millionen Jahren hergestellte Werkzeuge während der gesamten Altsteinzeit in Gebrauch gewesen zu sein, obwohl sie längst „technisch überholt“ waren. Ein Beispiel: Wer etwa die harte Haut eines verendeten Elefanten aufschneiden wollte, tat sich mit einem beidseitig zugehauenen Faustkeil leichter als mit dem älteren, einseitig scharfen „Steinmesser“. Was Homo erectus mit diesen Artefakten über sich verrät, so heißt es am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, belege zwar, daß die Forschung seit 1921 mit Sieben-Meilenstiefeln marschiert ist. Gleichwohl sei man sich aber weiterhin bewußt, „nie mehr als einen kleinen Ausschnitt aus der einstigen Vielfalt menschlichen Lebens“ zu Gesicht zu bekommen.