© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 02/22 / 07. Januar 2022

Die Geschichte wird von den Basaren erzählt
Afghanistans Hauptstadt vier Monate nach dem Abzug westlicher Truppen: Politik ist nicht alles, wenn das Leben vom Kampf ums Überleben bestimmt ist
Luca Steinmann

Eine dicke Schneedecke fällt auf das Zentrum von Kabul, macht die Stadt weiß, bringt aber das chaotische Leben nicht zum Stillstand. Auf den Straßen wimmelt es von Menschen, überall Stände, Rauch und Geschrei. Endlose Gruppen von Menschen unbestimmten Alters sitzen auf Straßenbetten und rauchen Opium. An jeder Ecke klammern sich verschmutzte, traditionell gekleidete Kinder an die Ärmel der Jacken von Passanten und bitten um Geld. An den Kontrollpunkten trifft man immer wieder auf Taliban-Mudschaheddin: junge Männer, im allgemeinen zwischen 15 und 25 Jahre alt, mit langen Haaren, ungepflegten Bärten und oft großen Ringen an den Fingern. Jeder von ihnen trägt eine Kalaschnikow, manche über die Schulter gehängt, andere in der Hand. Sie tragen locker sitzende Tuniken oder Militäruniformen mit schwarzen und weißen Aufnähern, auf denen die Schahāda, das islamische Glaubensbekenntnis, rezitiert wird. Die gleichen Aufschriften sind auch auf den überall wehenden Flaggen zu sehen. Auch auf den Straßen, auf herumfahrenden Pick-ups, auf Regierungsgebäuden.

Einige junge Männer hören in   Autos und Wohnungen Musik

Vier Monate nach dem Abzug der westlichen Truppen ist das Leben in Kabul von den Bräuchen der Taliban durchdrungen, die zu den neuen ungeschriebenen Gesetzen des Islamischen Emirats Afghanistan geworden sind. Vor allem aber herrscht Armut. In den Straßen und auf den Basaren finden sich noch immer Überreste der früheren ausländischen Besatzungen, die die moderne Geschichte Afghanistans geprägt haben. Eine Geschichte, die von den Basaren selbst erzählt wird. Als die Sowjets das Land 1979 besetzten, eröffneten sie im Zentrum der Hauptstadt einen großen Markt unter freiem Himmel mit dem Namen Breschnew-Basar. Die sowjetischen Truppen zogen 1989 ab, und nach elf Jahren Bürgerkrieg (1989–1994) und dem Taliban-Regime von Mullah Omar (1994–2001) wurde das Land 2001 von Nato-Truppen besetzt.

Die von ihnen eingesetzte prowestliche Regierung taufte einen weiteren großen Markt im Herzen Kabuls zu Ehren des amerikanischen Präsidenten auf den Namen Bush-Basar. Im August vergangenen Jahres benannten die Taliban ihn in Basar der Mudschaheddin um. Paradoxerweise floriert im Inneren der Stadt der Handel mit sowjetischen und amerikanischen Relikten, die von den ehemaligen Besatzern zurückgelassen wurden. 

An ganzen Ständen werden nun Produkte verkauft, die in den Stützpunkten gesammelt wurden, die die Nato-Truppen im August letzten Jahres überstürzt verlassen haben: Militäruniformen, kugelsichere Westen, Stiefel, medizinische Ausrüstungen. Produkte, die sogar von den Taliban gekauft werden.

Um zu überleben, ist es legal, mit allem zu handeln. Heute sind die Feinde der Afghanen nicht die Russen, die Amerikaner oder die Mudschaheddin, sondern die Kälte, der Schnee, der Mangel an Elektrizität und Lebensmitteln. Mit ihrer Evakuierung im vergangenen August froren die USA die Finanzreserven des afghanischen Staates ein, um zu verhindern, daß sie in die Hände der neuen Taliban-Regierung fielen. Seitdem erhalten Beamte keine Gehälter mehr, der Wert der afghanischen Währung ist stark gesunken, und Zehntausende von ehemaligen Mitarbeitern der Besatzungstruppen, der Nichtregierungsorganisationen und der vom Westen finanzierten Medien sind arbeitslos geworden. Auf den Straßen und in den Häusern wird nicht so sehr über Politik gesprochen, sondern eher darüber, wie man überleben kann. Einige kritisieren die Taliban, andere sagen, sie seien bereit, sie zu unterstützen, solange sie die Menschen ernähren können.

Der Aufstieg der Mudschaheddin an die Macht bedeutet nicht einfach eine Rückkehr zu den Tagen von Mullah Omar. Im Gegenteil, der Alltag der Bürger unterscheidet sich erheblich von dem der damaligen Zeit. Auf den Straßen sind einige der Männer westlich gekleidet, mit Jeans und Hemden. Einige Frauen gehen allein, einige tragen einen blauen Schleier, der ihr ganzes Gesicht bedeckt, aber viele andere haben nur ein Tuch auf dem Kopf, das einen Blick auf ihre üppigen Haarsträhnen im iranischen Stil freigibt.

Friseurgeschäfte stellen Schachteln mit Damenprodukten aus, auf denen Mädchen mit unbedecktem Gesicht abgebildet sind. Einige junge Männer, die die Gefahr verachten, hören in ihren Wohnungen und Autos Musik. Dies sind alles Dinge, die nach der Ideologie der Taliban verboten sind und in früheren Zeiten sofort bestraft worden wären. Heute vertreten die Mudschaheddin statt dessen eine freizügigere Linie. „Sie haben die Lektion des letzten Mals gelernt und erkannt, daß die Orthodoxie sie international isoliert“, sagt Mohamed Andalib Ismail, ein afghanischer Journalist der afghanischen islamischen Presseagentur, „sie wissen, daß sich brutale Gewalt mit der Geschwindigkeit des Internets schnell in der ganzen Welt verbreiten würde, was sie als potentielle Gesprächspartner kompromittieren würde“.

Das vorrangige Ziel der Taliban ist es, von der Welt als rechtmäßige Herrscher Afghanistans anerkannt zu werden. Heute wird das Islamische Emirat von niemandem formell anerkannt, obwohl viele Länder informelle Beziehungen zu ihm unterhalten. Dazu gehören China, Rußland, Pakistan, die Türkei, Katar, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien. Auch die Vereinigten Staaten führen seit 2010 einen Dialog mit den Taliban, während sich die beiden Seiten auf dem afghanischen Schlachtfeld bekämpften. Die Taliban gingen 2001 in den Untergrund und führten zwei Jahrzehnte lang einen unerbittlichen Guerillakrieg gegen die Besatzungstruppen.

Im Jahr 2018 nahm die Trump-Administration offizielle Verhandlungen mit dem Ziel eines Rückzugs der USA auf. Die Amerikaner waren sich der Schwäche und der tiefgreifenden Korruption der prowestlichen Regierung, die sie in Kabul eingesetzt hatten, bewußt und wollten, daß diese nach ihrem Rückzug mit den Mudschaheddin koexistiert und möglicherweise eine breit angelegte Koalitionsregierung bildet. Dieser Plan wurde im vergangenen August schnell zunichte gemacht, als die Evakuierung durch die USA innerhalb von vierundzwanzig Stunden zum völligen Zusammenbruch der Regierung und zur Machtübernahme durch die Taliban führte.

Fast völlig fehlende Gerechtigkeit nach Kriegsverbrechen

Seitdem leben Kabul und ganz Afghanistan in einer Art „Pax Taliban“. Eine chaotische Atmosphäre von Armut und scheinbarer militärischer Sicherheit, in der die Meinungen über das Islamische Emirat auseinandergehen. Alle sind sich einig, daß mit der Ankunft der Taliban die Korruption zurückgegangen und das Leben sicherer geworden ist. Die zwanzig Jahre westlicher Präsenz sind als eine Zeit ständiger Gefahr in Erinnerung geblieben – vor allem wegen des Krieges zwischen den Besatzungstruppen und den Mudschaheddin. Die Nato-Truppen antworteten auf die Taliban-Guerilla mit regelmäßigen Luft- und Bodenangriffen, um den Feind zu schwächen, und trafen dabei auch massiv Zivilisten.

Die Zahl der militärischen und zivilen Opfer belief sich in diesen zwanzig Jahren auf rund 176.000. Fast niemand hat Gerechtigkeit erfahren. So auch Abdul Quayum nicht, ein 57jähriger Familienvater, der in der Stadt Ghazni, einer Taliban-Hochburg unweit von Pakistan, lebt. Im Jahr 2018 bombardierte die Nato während eines erbitterten Kampfes zwischen Mudschaheddin und Besatzungstruppen das Haus seines Bruders und tötete 16 Männer, Frauen und Kinder. Als Abdul sich an die pro-amerikanische Regierung wandte und um Gerechtigkeit bat, lautete die Antwort: Wir sind im Krieg, da können Unfälle passieren. Die Verantwortung liegt bei den Taliban, die angegriffen haben.

Auch Masoum Khan, ein Bauer aus der Region Paktika, erhielt keine Gerechtigkeit. Er war zwölf Jahre alt, als die Nato-Truppen 2008 sein Dorf angriffen und 34 Zivilisten töteten, darunter zehn Mitglieder seiner Familie. Westliche Truppen bombardierten zunächst das Dorf, drangen dann auf dem Landweg in das Dorf ein und stürmten sein Haus, wobei sie auf Kopfhöhe schossen. Unter den zehn Opfern befanden sich seine Mutter und sein dreijähriger Bruder, die beide in den Kopf geschossen wurden. „Wir sind froh, daß die Amerikaner abgereist sind, sie haben uns nicht mit Blumen, sondern mit Kugeln beworfen“, sagt Masoum heute, „jetzt können wir keine Gerechtigkeit bekommen, aber früher oder später werden wir sie bekommen, denn sie haben nichts richtig gemacht.“

Andererseits sagen ehemalige Beamte der pro-westlichen Regierung, ehemalige Mitarbeiter westlicher Nichtregierungsorganisationen und Journalisten, die für vom Westen finanzierte Medien arbeiten, daß sie mit den Taliban unzufrieden sind. So auch Nafisa Hotak, eine 24jährige Journalistin, die bis August für einen von einigen Nato-Staaten finanzierten Radiosender arbeitete. „Mit dem Einmarsch der Taliban erhielten wir keine finanziellen Mittel mehr und stellten daher unsere Arbeit ein“, sagt sie.

Aus diesem Grund haben viele Journalisten das Land verlassen, und ihre Zeitungen wurden geschlossen. Etwa 50 Prozent der afghanischen Medien haben ihre Arbeit eingestellt. Diejenigen, die noch vor Ort tätig sind, sehen sich großen Problemen gegenüber: wirtschaftlicher Not, die auf die Einstellung der ausländischen Finanzierung zurückgeht, und beruflichen Schwierigkeiten, die mit den von den Taliban auferlegten Einschränkungen zusammenhängen.

Keine Musik mehr im Radio oder Fernsehen, die Einstellung von Frauenprogrammen und Aufforderungen an Frauen, nicht zu arbeiten. Heute sind viele Journalistinnen arbeitslos. Nafisa hingegen wurde von einer nationalen chinesischen Agentur eingestellt, hat aber weiterhin Probleme. „Eines Tages erhielt ich einen Anruf von den Taliban, die mir sagten, ich solle mich positiv über die neue Regierung äußern und nicht ihre negativen Seiten zeigen“, sagt sie. „Außerdem ist es die Vorgabe meiner derzeitigen Agentur, gut über sie zu sprechen.“ Berichte, die sich nicht an diese Linie halten, würden nicht veröffentlicht.

„Wir werden von den Taliban niemals akzeptiert werden, weil sie uns als Kollaborateure der ehemaligen Besatzer betrachten“, sagt Bilal (aus Sicherheitsgründen nicht sein richtiger Name), ein ehemaliger Mitarbeiter der Unabhängigen Afghanischen Menschenrechtskommission, einer unter der pro-westlichen Regierung eingerichteten Stelle. Nach der Gründung des Emirats gingen die 400 Angestellten aus Angst vor Konsequenzen nicht mehr zur Arbeit. „Bisher haben sie mich noch nie bedroht“, fährt er fort, „aber sie zeigen ihr wahres Gesicht nicht, weil sie die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft fürchten. Das ist nur eine Taktik. Sobald sie die Gelegenheit dazu haben, werden sie wieder ihre orthodoxe Ordnung durchsetzen.“

In Kabul herrscht weiter heftiges Schneetreiben. Die Flocken fallen auf die Bürgersteige, auf die Zelte der Verkaufsstände, auf die Uniformen der Taliban an den Kontrollpunkten, die versuchen, sich unter warmen Wollmänteln zu bergen. Auf den Straßen und in den Basaren drängen sich Hunderte von Menschen, um rasch eine Unterkunft zu finden, manche schieben einen Einkaufswagen, andere tragen große Säcke auf den Schultern, wieder andere flüchten auf Fahrrädern und Mopeds. Mit dem Einsetzen der kalten Jahreszeit bleibt immer weniger Zeit, um über Politik, die Taliban, die Amerikaner oder das Emirat zu sprechen. Die anstehenden Probleme sind andere: Strommangel, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Mangel an lebensnotwendigen Gütern. In Kabul ist die Lage im allgemeinen besser als in den Provinzen, aber auch hier gibt es wenig Hoffnung für die Zukunft. Sowohl bei denen, die die Mudschaheddin unterstützen, als auch bei denen, die sie kritisieren.

Foto: Straßenszene in Kabul nach der Machtübernahme der Taliban: Ein junger Mudschaheddin mit Sturmgewehr setzt die Auffassungen der neuen starken Männer durch