Der Streit, ob es eine Rezession gibt oder nicht, hat jetzt auch Deutschland erreicht. Vorbild sind Joe Bidens semantische Verrenkungen (JF 34/22), mit denen der US-Präsident im August bestritt, die USA befänden sich in einer Rezession. Nach üblicher Definition waren die ersten zwei Quartale des Jahres 2022 mit negativem Wachstum eine Rezession. Da aber der US-Arbeitsmarkt noch immer boomte, könne es keine Rezession geben. Hofberichterstatter der großen US-Medien standen Bidens neuartiger Wirtschaftstheorie treu zur Seite. Der Ex-Wirtschaftsweise Lars Feld greift jetzt diese Masche in ähnlicher Form auf. Nur wenig Wirtschaftsabschwung werde es im Winter geben. Allerdings komme es zu Wohlstandsverlusten wegen der Inflation, sagte der „ehrenamtliche Berater“ von Finanzminister Christian Lindner bei der traditionellen CSU-Klausurtagung im oberbayerischen Kloster Seeon. Ob die Deutschen auf diese rhetorische Verharmlosung hereinfallen?
In Deutschland wird die Erwerbsstatistik um Langzeitarbeitslose, Kurzarbeiter und Erwerbslose in Fortbildung „bereinigt“. In den USA wird die Arbeitslosenquote (3,5 Prozent im Dezember) aus zwei Umfragen berechnet: Einmal werden Haushalte nach ihrer Beschäftigung gefragt, zudem werden Arbeitgeber befragt, ob sie mehr oder weniger einstellen. Nach statistischen Bereinigungen ergab das zuletzt 5,7 Millionen Arbeitslose. Der Knackpunkt ist, daß nicht zwischen Voll- und Teilzeit unterschieden wird. Im Herbst ergab die Haushaltsumfrage einen Beschäftigungsrückgang um 328.000, während die Arbeitgeberumfrage 261.000 neue Arbeitsplätze auswies. Andere Statistiken zeigen deutlich einen Rückgang der Vollzeitbeschäftigung bei einer geringeren Zunahme der Teilzeitjobs. Bei Schwarzen (5,7 Prozent) und Latinos (4,1 Prozent) ist die Arbeitslosenquote unter Präsident Biden sogar höher als unter Amtsvorgänger Donald Trump.
Die wichtigste Zahl auf dem Arbeitsmarkt sind aber die Einkommen, und deren moderater Anstieg von 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr deutet darauf hin, daß es in den USA noch keine Lohn-Preis-Spirale gibt. Das paßt nicht zu der niedrigen Arbeitslosenquote, denn eigentlich müßten die Beschäftigten höhere Gehälter aushandeln können. Auf jeden Fall erlaubt der robuste US-Arbeitsmarkt der Zentralbank Fed, die Zinsen weiter zu erhöhen. Die bisherigen Zinserhöhungen mögen sich zwar nicht direkt auf den amerikanischen Arbeitsmarkt auswirken, in der Industrie machen sie sich schon bemerkbar: der Einkaufsmanagerindex ISM für die Industrie fiel im November unter 50, der für Dienstleistungen im Dezember. Seit 1970 führte jeder ISM-Rückgang unter 50 zu einer Rezession. Dazu kommt, daß Zinserhöhungen erst mit Verzögerung wirken. Ein starker Arbeitsmarkt heute ist deshalb nur bedingt für eine Rezession in einem halben Jahr aussagekräftig.
In Deutschland sieht es ähnlich aus: Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist so niedrig wie während der Finanzkrise 2009/09, obwohl die deutsche Arbeitslosenquote 2022 mit 5,3 Prozent nahe am tiefsten Stand seit Jahrzehnten verharrt. Es sieht also gut aus für Feld: 2023 könnte die Arbeitslosigkeit niedrig bleiben wie im Amerika der ersten zwei Quartale 2022, während die Wirtschaft schrumpft. Dann kann er behaupten, daß sich seine Vorhersage bewahrheitet, denn Wohlstandsverluste kommen dann von der Inflation. Warum die harmlos sind, wenn sie nicht von einer Rezession stammen, wird uns der VWL-Professor dann bestimmt erklären.