Es ist schon einige Jahre her, in Nordrhein-Westfalen regierten die Grünen so wie heute auch in einer Koalitionsregierung mit. Ein grüner Minister war zum Firmenbesuch im Siegerland und hörte sich die Sorgen eines Unternehmers an, der seine schweren Maschinen nur noch über eine von drei Autobahnen zu den Verladehäfen transportieren lassen konnte. Die A45 war für Schwertransporte weder nach Norden noch nach Süden passierbar, es blieb nur die A4 nach Köln, aber niemand wußte, wie lange noch. Der Rat des Grünen-Politikers: Der Unternehmer möge doch kleinere Maschinen bauen.
Solches Verhalten kennzeichnet die nordrhein-westfälische Verkehrspolitik über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Das Land war industrielles Herz Europas. Man hatte die Bundesrepublik nach oben gebracht, aber im Laufe der Jahrzehnte vergessen, daß, wer an der Spitze bleiben will, investieren muß. Man lebte in der Vergangenheit und glaubte, Bildung reiche als Rohstoff der Zukunft, während so schnöde Dinge wie Eisenbahngleise und Autobahnen verfielen. Es kam wie zu erwarten war: Erst mußte die Rheinbrücke bei Leverkusen für Laster gesperrt werden, schließlich folgte die Sperrung der maroden Rahmede-Talbrücke bei Lüdenscheid.
Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), der früher Verkehrsminister war, muß sich bald einem Untersuchungsausschuß stellen, der ausgerechnet von den Grünen beantragt wurde, für die Autobahnsanierung ein Fremdwort ist. Wüst ist jedoch keinesfalls als Alleinverantwortlicher für das Infrastruktur-Desaster anzusehen. Dafür sind alle Regierungsparteien in Nordrhein-Westfalen über die letzten Jahrzehnte gleichermaßen verantwortlich.
Aber es gehört zum Wesen des Politikers, nach vorne zu schauen. Und so traf sich am Wochenende viel politische Prominenz an der Talbrücke Rahmede, um deren Sprengung beizuwohnen. Die war erfolgreich, 17.000 Tonnen Beton fielen in sich zusammen. Der örtliche Bürgermeister bezeichnete dies als Symbol für einen dringend benötigten Aufbruch. Aus Rücksicht auf die Prominenz wie Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) unterschlug der Bürgermeister, daß eine Ersatzbrücke längst hätte gebaut worden sein müssen. Seit eineinhalb Jahren wälzen sich lange Autoschlangen auf der Umleitungsstrecke durch Lüdenscheid. Bis die Ersatzbrücke fertig ist, dürften mehrere Jahre ins Land gegen.
So wie eine Schwalbe keinen Frühling macht, ist die Planung einer neuen Brücke noch lange kein Aufbruch in neue Zeiten. Auf der A45 gibt es 60 Brücken, die entweder saniert oder neu gebaut werden müssen. In den sechziger Jahren hatten weitsichtige Politiker vor dieser Trassenführung gewarnt, weil sie wegen der vielen Brücken im Kriegsfall leicht durch sowjetische Luftangiffe hätte zerstört und eine wichtige Nord-Süd-Verbindung unterbrochen werden können. Das ist heute ganz ohne Krieg der Fall.
Dem von Wissing ausgerufenen Aufbruchsignal mögen sich die Unternehmen in Nordrhein-Westfalen nicht anschließen. Das Institut der deutschen Wirtschaft stellte in einer Umfrage fest, in keinem Land gebe es weniger Optimisten als in Nordrhein-Westfalen.