Am 13. Oktober wurde im nordfranzösischen Arras der Lehrer Dominique Bernard von Mohammed Mogouchkov ermordet. Bei dem Versuch, seine Schüler vor den Messerattacken des Angreifers zu schützen, verlor Bernard selbst sein Leben. Die Tat weckt unwillkürlich die Erinnerung an den Mord, dem der Lehrer Samuel Paty vor fast genau drei Jahren zum Opfer fiel. In beiden Fällen bestand ein unleugbarer Zusammenhang mit der Tatsache, daß die Täter Tschetschenen und muslimischen Glaubens waren. In beiden Fällen suchte die Linke die Spuren ihrer Mitverantwortung zu verwischen.
Die Familie Mogouchkov hätte nach Ablehnung des Asylantrags bereits 2014 Frankreich verlassen müssen, was aber durch ein breites Bündnis aus Kommunisten und Menschenrechtsaktivisten verhindert wurde. Die Administration ging in die Knie und sprach eine weitere Duldung aus. Die Konsequenzen waren entsprechend: Die Behörden haben Mogouchkov selbst als Gefährder eingestuft und phasenweise überwacht, sein älterer Bruder verbüßt wegen Anschlagsplänen eine Gefängnisstrafe, ein jüngerer Bruder soll ebenfalls einer Terrorzelle angehören und wurde festgenommen, der Vater bereits 2018 nach Rußland ausgewiesen, nachdem er islamistische Propaganda verbreitet hatte. Trotzdem heißt es jetzt, daß Herkunft und religiöse Motivation für die Mordtat unerheblich seien und Regierung wie Reaktion die Gelegenheit nutzen wollten, um „das Gift der Spaltung und des Rassismus“ zu säen.
Währenddessen setzte die Regierung die übliche politisch-mediale Routine in Gang und forderte publikumswirksam die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber aus dem Raum des Kaukasus. Nur auf der Rechten benennt man klar und deutlich die Tatsache, daß der Mord an Dominique Bernard kein isolierter Einzelfall ist, sondern auf ein strukturelles Problem verweist. So erklärte Bruno Retailleau, Vorsitzender der Republikaner im Senat: „Es ist immer derselbe islamistische Albtraum, der wiederkehrt. Immer die gleichen Methoden, die gleichen Profile und immer die gleiche Hilflosigkeit. Drei Jahre nach dem Tod von Samuel Paty hat sich nichts verändert.“
Damit wird der Blick auf die Tatsache gelenkt, daß die Mißstände des französischen Bildungssystems wie in einem Brennglas die Mißstände der französischen Gesellschaft zusammenziehen: in bezug auf die Sicherheitslage, in bezug auf die „Verwilderung“, in bezug auf den kulturellen Niedergang des Landes und in bezug auf das permanente Versagen der Eliten. Es gibt heute zahlreiche, vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbare, Maßnahmen, um Kinder und Jugendliche wie Personal der Schulen zu schützen. An deren Gebäuden sind Überwachungskameras und Drehkreuze, fallweise auch Metalldetektoren installiert, die feststellen, wer Messer, Macheten, Stahlrohre, lanzenartige Klingen oder Schußwaffen mitbringt. Es gibt in einigen Fällen sogar Polizeiposten auf dem Gelände, und in jüngerer Vergangenheit forderte ein Schulleiter den Einsatz des Militärs, nachdem Schüler in Folge der Drogenkriege vor seinem Collège durch Schüsse verletzt worden waren.
Das Hauptproblem sind allerdings die Aggressionen innerhalb der Schulen. Nach einer Erhebung von 2022 wurden etwa 40 Prozent aller Schüler schon Opfer eines körperlichen Angriffs. Dazu kommen alle möglichen Formen der Drangsalierung. Im vergangenen Monat erregte der Selbstmord eines fünfzehnjährigen Gymnasiasten Aufsehen, der die Schikanen seiner Altersgenossen nicht mehr ertrug.
Zu ergänzen sind diese Zahlen um jene, die sich auf die Gefährdung der Lehrer beziehen: Etwa die Hälfte von ihnen wird irgendwann zum Ziel einer verbalen oder körperlichen Attacke durch Eltern oder Schüler. So starb im Februar des Jahres eine Lehrerin aus Saint-Jean-de-Luz unter den Messerstichen eines aufgebrachten Sechzehnjährigen, Anfang dieses Monats konnte ein Algerier in Pantin vor einer Schule gerade noch festgenommen werden, der plante, einen Lehrer zu enthaupten. Viele Pädagogen sind dauerhaft physisch oder psychisch erkrankt. Im Durchschnitt nimmt sich pro Woche einer das Leben.
Trotzdem gibt es aus den Reihen der Lehrer kaum Widerstand gegen die Situation. Eine Ursache für diese Lähmung ist die linke Weltanschauung, der sie mehrheitlich anhängen, und die sich vor allem im Egalitarismus, der keine Fähigkeitsunterschiede mehr anerkennen will, und im excusionisme – der Neigung jedes Fehlverhalten zu entschuldigen – niederschlägt.
Das wird selten so deutlich gesagt wie in dem Buch von Ève Vaguerlant, das den bezeichnenden Titel „Un prof ne devrait pas dire ça“ („Ein Lehrer sollte so etwas nicht sagen“) trägt. Ève Vaguerlant ist selbst Lehrerin und weiß, wovon sie spricht, wenn sie darauf hinweist, wie hilflos ihre Kollegen an den Verhältnissen leiden, die doch „das Ergebnis einer fortschrittlichen Ideologie sind, die sie immer unterstützt haben“. Allerdings darf ein Lehrer, der sich gegen die Verhältnisse zur Wehr setzt, auch kaum auf Rückendeckung hoffen. Patrice Romain, ehemaliger Direktor eines Collège, spricht von der „Omerta“, die dazu führe, daß die Rektoren alles tun, um vor den höheren Verwaltungsstellen gut dazustehen. Sie verschweigen Mißstände und traktieren diejenigen, die sie anprangern wollen.
Das hat, folgt man Romain, nicht nur mit Karrierewünschen zu tun, sondern auch mit einer Mentalität, die im Laufe der Zeit herangezüchtet wurde: „Alles tun, um sagen zu können: ‘Ja, Herr Minister, die Reform, die Sie eingeführt haben, sie funktioniert. Den Beweis gibt es in meiner Region, hier sind die Ergebnisse’“. Wenn das falsche Spiel funktioniert, dann vor allem, weil das gesamte französische Schulsystem darauf ausgerichtet ist, den tatsächlichen Verfall zu kaschieren. Das beginnt schon bei der forcierten Steigerung der Abiturientenzahl. So lag im vergangenen Jahr der Anteil der Schüler, die die Studienberechtigung erhielten, bei 82,8 Prozent ihrer Altersgruppe. Verräterisch ist allerdings die geringe Zahl derjenigen, die die „harten“ MINT-Fächer als Schwerpunkt wählt, und daß die große Mehrheit, die ein „weiches“ Profil bevorzugt, die französische Sprache nur unzureichend beherrscht.
Anstrengungsbereitschaft, Belastbarkeit und Leistungswille der Heranwachsenden sinken aber schon viel früher auf ein bedenkliches Niveau: zum Ende der Grundschule sollen vier von sechs französischen Kindern nicht fließend lesen und schreiben können. Bezeichnend ist auch, daß Frankreich im internationalen Vergleich immer weiter abfällt. Bei der letzten Pisa-Studie kam man nur noch auf 495 Punkte, gegenüber einem Mittel von 500 und 542 beziehungsweise 574 Punkten des Spitzenreiters Singapur.
Eine erhebliche, wenn nicht entscheidende, Rolle spielt hier, daß das Bildungssystem die Verwerfungen in der „bunten“ französischen Gesellschaft längst nicht mehr zu beseitigen vermag. Pap Nidaye, der vorletzte Bildungsminister – als erster Schwarzer in diesem Amt mit Vorschußlorbeeren überhäuft – hat noch versucht, dem mit wachsendem Druck auf die noch funktionstüchtigen Privatschulen und seiner „woken“ Agenda entgegenzuwirken, die die sowieso schon massive Indoktrination der Schüler im Sinne von Antikolonialismus, Antirassismus und Genderismus weiter verstärkte.
Aber selbstverständlich hat das die Lage nicht wirklich verbessern können. Hinzu kommt die Aggressivität, mit der die muslimische Lobby Einfluß nimmt: vom Unterlaufen des Verbots religiöser Kleidung über die Installation einer „Sittenpolizei“ unter Schülern bis zum Erzwingen der Speiseplanumstellung nach Maßgabe von Halal-Vorschriften. Faktisch liegt das Modell der „republikanischen Schule“ in Trümmern.
Alain Finkielkraut – Schriftsteller, Essayist, „Unsterblicher“, also Mitglied der Académie Française – hat dessen wesentliche Aufgabe in einem Interview jüngst folgendermaßen charakterisiert: Verteidigung der Meritokratie und Bewahrung der kulturellen Tradition. Daß das französische Bildungssystem heute weder das eine noch das andere zustande bringt, ist seiner Meinung nach auf das fatale Zusammenwirken von moderner Unterhaltungsindustrie, Gleichheitswahn, Erziehungsverweigerung der Eltern, Versagen der Intelligenz und einem Antipatriotismus zurückzuführen, der vor allem in den Kindern der Einwanderer eine Undankbarkeit heranzüchte, die sich dann in Haßausbrüchen gegen ein Land entlädt, das ihnen alles gegeben hat, was sie besitzen. Man kann dieser Stellungnahme die von Bruno Racine an die Seite stellen, der das französische Bildungssystem über Jahrzehnte von innen beobachten konnte und seine Laufbahn als Direktor der Nationalbibliothek beendet hat: „… ich bin zu dem Schluß gekommen, daß sich unser öffentliches Schulsystem auf dem Weg zur totalen Zerstörung befindet. Diese Zerstörung ist das Ergebnis aller politischen Ansätze und aller Reformen aller Regierungen seit dem Ende der sechziger Jahre.“
Schuld am Niedergang sei eine „Nomenklatura“, die von den Schulleitungen über diverse Einflußgruppen und die pädagogischen Lehrstühle bis in die Spitzen der Bürokratie und der zuständigen Ministerien reiche und die die Zielvorstellung verbinde, daß die Schule allen möglichen Zwecken dienen solle, nur nicht der Vermittlung von Bildung. Angesichts der katastrophalen Lage der französischen Schulen und Hochschulen habe diese Nomenklatura heute aber vor allem das Ziel, „sich ihrer Verantwortung zu entziehen und im übrigen mit allen Mitteln die Realität des Desasters zu kaschieren“.
Diese Einschätzung, daß es darum geht, sich der „Verantwortung zu entziehen und im übrigen mit allen Mitteln die Realität des Desasters zu kaschieren“, könnte auch das Verhalten der Politischen Klasse Frankreichs als solches kennzeichnen. Denn was vor aller Augen abläuft, ist der Zerfall einer großen historischen Nation, deren Führung schwach oder unwillig oder beides ist und deren Bevölkerung die Entwicklung paralysiert. Das erklärt auch die seltsame Folgenlosigkeit der Betroffenheitsrituale und des Aktionismus hier, die Mischung aus Entsetzen und Hilflosigkeit dort, angesichts der 300 Menschen, die in den vergangenen zehn Jahren dem islamistischen Terror auf französischem Boden zum Opfer gefallen sind.
Der Politikwissenschaftler Arnaud Benedetti hat deshalb in Reaktion auf die Ermordung Dominique Bernards geäußert, daß man diese Tat nicht als individuelle Tragödie betrachten und damit entwerten dürfe. Man müsse in dem furchtbaren Sterben dieses tapferen Mannes eine Mahnung sehen: „Man kann Völker nicht aufrechterhalten, indem man verschleiert, was ihr Wesen ausmacht. Ohne diesen Impuls stumpft die Handlungsfähigkeit von oben nach unten ab. Man lebt viel mehr für eine Identität als für ein Ideal, selbst wenn es ein republikanisches ist. Und eine Republik, die den Pulsschlag ihrer Geschichte vergißt, gibt sich den gefährlichen Schwindelgefühlen ihres Zerfalls hin ...
Dr. Karlheinz Weißmann, Jahrgang 1959, ist Historiker und Publizist. Bis 2020 arbeitete er im Höheren Schuldienst Niedersachsens. Auf dem Forum schrieb er zuletzt über die deutsche Planlosigkeit in der internationalen Politik („Die deutsche Position“ JF 15/22).