© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 13/24 / 22. März 2024

Innere Dauerwut herrscht als Leit-Emotion
Die Psychologin Esther Bockwyt setzt Vertreter woker Ideologie auf die Couch. Ihr beunruhigender Befund über ein gestörtes Bewußtsein, das sich im moralisch aufge-ladenen Destruktivismus äußert
Fabian Schmidt-Ahmad

Es ist ein gefährliches Unterfangen: die Argumente von Menschen mit einer anderen Meinung nicht auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen, sondern diese Meinung als Ausdruck einer tieferlegenden, psychischen Erkrankung zu betrachten. Vorneweg dabei die linke Identitätsideologie, die ihren Kritikern gern Phobien unterstellt. Wer frühkindliche Sexualerziehung ablehnt, ist „trans-“ oder „homophob“, wer die Masseneinwanderung aus der islamischen Welt kritisiert, ist „islamophob“ und so weiter. 

Die Psychologin Esther Bockwyt dreht dieses Verhältnis um und legt die Vertreter der „woken“ Ideologie selbst auf die Couch. Ihre Erkenntnis aus dieser Art „Patientengespräch“ ist beunruhigend. „Wokeness ist eine Ideologie, die eine zutiefst demotivierende Perspektive im Leben eines Individuums forciert“, schreibt sie in ihrem jetzt erschienenen Buch „Woke“: „Wokeness unterstützt emotionale Fragilität und überhöhten Narzißmus in allen destruktiven Formen, insbesondere die der unentkommbaren Opferrolle“, heißt es weiter.

Bockwyt publizierte bisher fachwissenschaftlich, was dem Buch anzumerken ist. Psychologische Grundkenntnisse sind von Vorteil, allerdings vermeidet sie Fachtermini. Auch der Laie kann so dem flüssig geschriebenen Text folgen und findet nebenbei eine gute Einführung in die aktuelle Psychologie. Im Zentrum steht dabei die Aggressionsverschiebung. „Im Pathologischen besteht bei manchen Menschen, die in ihrer Sozialisation schmerhafte Verletzungen haben erleiden müssen, eine Art innere Dauerwut als Leit-Emotion.“ 

Am einfachsten ist es, diese Wut an anderen auszulassen, was aber in unserer Gesellschaft für gewöhnlich verpönt ist. „Stattdessen wird die eigene Wut und auch das aggressive Agieren hinter einem edlen Ziel oder einem legitimen Grund verborgen und so rationalisiert.“ Auf der Strecke bleibt die objektive Einordnung von Aussagen. „Der Maßstab für die unterstellten illegitimen Äußerungen liegt ausschließlich in den selbst aufgestellten woken Regeln, mit der Realität haben sie oftmals wenig zu tun.“

Von dieser Erkenntnis ausgehend, nähert sich Bockwyt dem Phänomen „Wokeness“ auf mehreren Ebenen. „Wenn auf woke ausgerichteten Medienkanälen infantisierende Sprache und Darstellung verwendet wird, ist dies häufig verknüpft mit einer expliziten Darstellung sexueller Thematiken“, beobachtet sie beispielsweise. Überhaupt trägt sie eine Vielzahl von anekdotischen Fällen zusammen, die bei jedem den Verdacht auf einen psychopathologischen Hintergrund entfachen: „Antirassismustrainings für Weiße wurden entwickelt und angewandt“, berichtet Bockwyt. Hier gehe es „nicht selten sehr dominant und hart zu: In Rollenspielen müssen sich weiße Menschen demütigen lassen, um die Erfahrung der Unterdrückung selbst zu erleben und zu verinnerlichen.“ Die „Ursprünge der Wokeness“ verortet sie in den Universitäten. Oft verweist sie dabei auf den Kulturmarxismus der 68er, ohne diese ideengeschichtliche Verbindung systematisch herzuleiten.  

Stattdessen bleibt Bockwyt auf der psychologischen Ebene und analysiert Äußerungen woker Vertreter, die sich für Außenstehende leicht wie die von Geisteskranken anhören. Doch Bockwyt warnt, deren soziale Macht zu unterschätzen. „Wokeness ist keine skurrile Banalität, sie ist eine Ideologie, die in den USA mit zur Spaltung des gesamten Landes in zwei Lager geführt hat und deren Akzeptanz oder Ablehnung über die Zukunft moderner westlicher demokratischer Gesellschaften mitentscheiden wird.“

Esther Bockwyt: Woke. Psychologie eines Kulturkampfs. Westend Verlag, Neu-Isenburg 2024, broschiert, 224 Seiten, 18 Euro