Es war auch ein erweitertes Familientreffen, das sich am 6. Mai, dem Vorabend des diesjährigen 85. Geburtstags von Volker Braun, im Roten Salon der Berliner Volksbühne versammelt hatte, doch keine Zusammenkunft von Nostalgikern. „Wann sag ich wieder mein und meine alle“, war die Lesung mit Texten des Jubilars übertitelt, bei der unter anderem die Schauspielerinnen Corinna Harfouch und Jutta Hoffmann auftraten. Es handelte sich um die letzte Zeile des Gedichts „Das Eigentum“, das Braun 1990 unter dem Eindruck der brachialen Abwicklung der DDR geschrieben hatte. Die erste Zeile lautet: „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.“
Das hatte dem Dichter damals viel Hohn eingebracht. Da war wieder einer, der den Verlust der großen sozialistischer Utopie und des kleinen Schrebergartens, der sich Deutsche Demokratische Republik nannte, nicht verkraften konnte. Ostalgie oder Osttrotz hieß das damals – die Kinderkrankheit der Unmündigen und Desorientierten, die mit der Diktatur ihr Bezugssystem verloren hatten. Das war eine Zeit, in der ein renommierter Literaturwissenschaftler der DDR, der auf einer Konferenz in Bonn seine und seiner Kollegen Entlassung aus dem Universitätsdienst beklagte, sich von einem namenlosen westdeutschen Kollegen sagen lassen mußte, er solle seine Abwicklung gefälligst als Chance zu seiner Entwicklung begreifen.
Den wohl dümmsten Satz, den SED-Chef Erich Honecker je geäußert hatte: „Wir sind die Sieger der Geschichte“, beanspruchte der Westen nun für sich. Christa Wolf wurde zur dummen Gans erklärt, die eine sentimentale Innerlichkeit kultivierte. Heiner Müller schrumpfte zum Hanswurst, der sich als Finsterling verkleidet hatte. Und für Volker Braun sei die Dialektik lediglich ein Mittel gewesen, um das sozialistische Kollektivdenken und die atavistische Gemeinschaft gegen die moderne, westliche Gesellschaft zu behaupten.
Das alles ist Schnee von vorvorgestern. Müller ist heute erst recht der Apokalyptiker der Stunde. Aus den Büchern Christa Wolfs kann man lernen, was es mit Menschen macht, wenn sie erkennen müssen, daß die Umstände, in die sie gestellt sind, auf ihre Zerstörung gerichtet sind. Und der an Klopstock, Hölderlin, Büchner geschulte Braun, der einst einen Staat gewollt hatte, der sich als ein luftig-leichtes Gewand um den Körper des Volkes schmiegte, ist ein Experte für die Feinmechanik der Macht geblieben, der Geschichtsfatalismus mit kühlem Erkenntnisinteresse verbindet.
1994 war die Depression lange überwunden und er schätzte aus Ex-DDR-Sicht ein: „Wir sind wieder eine Epoche voraus. Die Vorhut des Nachsehens. Die Avantgarde der Niederlage. Die ruhmreich Verarmten.“ Das Scheitern des Ostens sei im Grunde das Schlimmste gewesen, was dem Westen passieren konnte. Denn bis 1989 habe er stets besser sein müssen als der Gegner; auch ihm sei nun das Bezugssystem abhanden gekommen. Tatsächlich verwandelt er sich seither dem besiegten Konkurrenten mehr und mehr an. Kenntnisfreie Ideologen ruinieren eine funktionierende Wirtschaft; die Massen werden mittels Propaganda formiert und verdummt, und was früher politische Schulung hieß, nennt sich jetzt Demokratieerziehung. Die Erziehertypen sind übrigens identisch.
Die Jungen und Hungrigen treffen auf die Alten und Satten
1989 war im Berliner Gorki-Theater Brauns Drama „Die Übergangsgesellschaft“ aufgeführt worden, eine Adaption von Tschechows „Drei Schwestern“. Hier sind es die Töchter eines alten Kommunisten und Spanienkämpfers. Es geht um abgestorbene Hoffnungen und Erwartungen, um ungelebtes Leben. Der Schriftsteller Anton sagt: „Es mag vorwärtsgehen, aber es ist da kein Land für uns. Es ist besetzt, hier (schlägt sich an den Kopf) eine Kolonie. Wir zahlen Tribut, an die tote Zukunft. … Wir haben die Morgenröte entrollt, um in der Dämmerung zu wohnen.“ Das Stück war schon 1982 geschrieben worden. 1989 hatte die Kulturbürokratie der DDR nicht mehr die Kraft, die Aufführung zu verhindern. „Finita la comedia“, heißt es zum Schluß.
Ein Endzeitstück, das prophetisch wirkt und die Enttäuschung, die den naiven, an die Wiedervereinigung geknüpften Erwartungen folgte, vorwegnahm. Heute bezieht die „tote Zukunft“ sich auf das ganze vereinte Land. Wie auch die Verse aus dem Gedicht „Das Eigentum“: „Was niemals ich besaß, wird mir entrissen/ was ich nicht lebte, werd ich ewig missen“.
In der Volksbühne wurde auch aus dem 2000 erschienenen Erzählband „Das Wirklichgewollte“ gelesen. Er enthält drei kurze parabelhafte Texte, die unmittelbar nach 1989 auf drei Kontinenten spielen. Auch hier: Endzeit. „Wie gesagt, es war alles probiert. Erfindungen, Pläne, Kriege. Unerhörte Verwirklichungen, Vernichtungen. Man hatte, auf allen Kontinenten, alle Ideen verbraucht. Man hatte Worte gehabt, die nichts mehr galten: (…) Globalisierung, dem Glauben hing man jetzt an. (…) Und nachdem alles gewesen war, und keine Hoffnung geblieben war, war die Frage: was kommt?“ Denn wirklich zu Ende ist die Geschichte keineswegs.
Die Bauarbeiter der Baikal-Amur-Magistrale, einer Eisenbahntrasse durch Sibirien, die unter Stalin begonnen und in den 1970er Jahren wieder aufgenommen wurde, sind nun, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, zu Gestrandeten geworden, die im leeren Raum sich selbst überlassen sind und verwildern. In Lateinamerika nimmt ein erfolgreicher Architekt und Idealist, der so alt wie das Jahrhundert ist, einen neunjährigen Straßenjungen bei sich auf. „Die Nächsten, die Kinder, würden die Antwort geben, die Unbekannten, die Ungeheuer.“ Der Knabe hat das Gesetz des Straßendschungels längst verinnerlicht. Er entflieht dem Komfort, um mit einer Kinderbande nächtens in die Wohnung des Alten einzudringen.
Ähnlich ergeht es dem alten italienischen Ehepaar Giorgio und Lucia Badini. Er, Sohn eines Maurers und emiritierter Professor, dem sein Thema „la rivoluzione“ abhanden gekommen ist, „denn sie hatte stattgefunden, wo man sie nicht machte“. Sie finden ihr Landhaus aufgebrochen und besetzt von einem jungen albanischen Paar, Luisa und Gjergj, vor. Die beiden sind vor ihrer Abschiebung geflüchtet. „Polizia“ mag der gemeinsame Feind der zweiten ungleichen Paare sein, doch sonst hat man sich nichts zu sagen. Die Jungen und Hungrigen treffen auf die Alten und Satten und erwecken ein verschämtes erotisches Begehren, das sie widerwillig abwehren.
Am Ende flüchten die Alten sich schwerverletzt in eine Dachkammer. „Sie hatten eine Stunde hilflos gelegen, als sie ein Geräusch im Haus vernahmen, hart die Treppe herauf; Gjergj schlich, ein Grinsen im jungen Gesicht, herein, hinter ihm das junge Weib, das Ehepaar sah sie mit einem Gefühl der Erleichterung und des Entsetzens an, und Bandini fragte: Was wollen sie?“ Die Machtverhältnisse haben sich ins Gegenteil verkehrt. Ein „Anschwellender Bocksgesang“, ins Marxistische gewendet. Die Frage: „Wann sag ich wieder mein und meine alle“ bleibt unbeantwortbar.
Foto: Volker Braun bei der Beisetzung seiner Schriftstellerkollegin Christa Wolf (2011): Experte für die Feinmechanik der Macht