© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 46/24 / 08. November 2024

Der große Einschnitt
35 Jahre Mauerfall: Selten wird Geschichte so spürbar wie am 9. November 1989. Die Öffnung der Schlagbäume in der noch geteilten deutschen Hauptstadt läutet nicht nur das Ende der DDR ein, sondern auch das des 20. Jahrhunderts
Karlheinz Weissmann

Mit dem, was am 9. November 1989 geschah, hat niemand gerechnet. Auch der Verfasser nicht. Und das, obwohl er in den vorangegangenen Monaten bei Reisen durch die DDR und die Tschechoslowakei einen Eindruck davon gewinnen konnte, wie marode der Ostblock mittlerweile war. Dabei spielte die Versorgungskrise eine wichtige Rolle, der Mangel an allen möglichen Gütern des täglichen Bedarfs, aber auch an Medikamenten, und die Unfähigkeit, so elementare Bedürfnisse eines Industriestaats zu decken, wie die Versorgung mit Elektrizität. Nicht zu reden von der zerfallenden Infrastruktur, den heruntergekommenen Straßen, Brücken und Gebäuden (manche noch mit Kriegsschäden) und der erbärmlichen Qualität der Waren, ganz gleich, ob es sich um Kleidung, „Plaste und Elaste“ oder das Papier der Bücher und Zeitungen handelte.

Neu war nicht die Misere, nur deren Ausmaß, und weil sich der Niedergang schleichend vollzog und fast unmerklich vom mäßigen hin zu einem katastrophalen Niveau verlief, erwartete man keine abrupten und dramatischen Veränderungen. Und das trotz des Unruheherds Polen, trotz der Grenzöffnung, die Ungarn vollzog, trotz des wachsenden Drucks der Ausreisewilligen und trotz der – undeutlichen – Verheißung von „Glasnost“ und „Perestrojka“, für die die Sowjetunion neuerdings stehen wollte. Selbst die westlichen Geheimdienste, die genauere Informationen über die ökonomische Lage der Comecon-Staaten und die Zersetzung ihrer Nomenklatura haben mußten, signalisierten im Sommer 1989 noch, daß der „real existierende Sozialismus“ fortbestehen werde.

Erst im nachhinein haben sich die Vorzeichen des Kollapses ausmachen lassen, der unmittelbar bevorstand. In Erinnerung geblieben sind mir vor allem zwei Erlebnisse. Da war ein Abend im Juni 1989 in einer Meißener Kneipe, ziemlich gleichmäßig mit Volkspolizisten und mit Arbeitern eines nahe gelegenen Kombinats gefüllt. Die Leute aus dem Westen, die unerwartet durch die Tür traten, wurden neugierig beobachtet, dann von „Werktätigen“ an ihren Tisch geladen, die darauf bestanden, das erste Glas „auf die Einheit Deutschlands“ zu trinken. Und da war die Anfahrt zur Transitstrecke in West-Berlin am 7. Oktober – Staatsfeiertag der DDR – samt der irritierenden Höflichkeit des Grenzbeamten, der keineswegs den üblichen Kommandoton anschlug, sondern in ruhigen Worten bat, das aufgeblendete Licht im Stand doch herunterzuschalten, damit man die Kontrolle zügig abwickeln könne.

Mauerfall ist mehr als ein deutsches Ereignis

Die Provokationsbereitschaft auf der einen Seite, die Freundlichkeit auf der anderen Seite hätten auch isolierte Erscheinungen sein können, keine Hinweise auf den Zusammenbruch eines Regimes, das sich so lange, wenn nicht auf die Zustimmung, dann doch auf die Duldung durch die Mehrheit und jedenfalls auf die Furcht vor der allgegenwärtigen „Staatsmacht“ hatte verlassen können. Der Wandel kündigte sich nicht dramatisch, sondern atmosphärisch an, mit dem Verlöschen des Legitimitätsglaubens bei Herrschenden wie Beherrschten. 

Das ist in der Geschichte alles andere als ein einmaliger Vorgang. Es gibt zahllose ähnliche Beispiele, auch solche aus einer fernen Vergangenheit, als die Herrscher die Überzeugung verbreiteten, daß Götter sie eingesetzt und die Untertanen zum Gehorsam verpflichtet hätten. Denn Funktionstüchtigkeit spielte seit je für den dauerhaften Bestand des größeren Ganzen eine Rolle. Das gilt erst recht in der säkularen Moderne. Weshalb selbst Ideologiestaaten wie die DDR versuchen mußten, eine Art zivilisatorisches Minimum aufrechtzuerhalten. 

Daß ihr das so wenig wie den übrigen Ostblockstaaten gelang, hat wesentlich zu ihrem Untergang beigetragen. Aber der Hinweis auf die materielle Basis des Geschehens reicht nicht aus. Der französische Historiker Philippe Ariès hat zur Erklärung darauf hingewiesen, daß die „Geschichte“ in der Regel unbemerkt vonstattengeht; eine Menge anonymer Ereignisse, nicht mehr, nicht weniger. Nur in seltenen Fällen tritt die Geschichte „aus der Anonymität und zwingt die Menschen dazu, sie anzuerkennen, und zwar durch die Bedrohung, daß der implizite Konsens, die Grundlage des Gemeinschaftslebens, in Frage gestellt wird. Es entsteht ein Krisenklima, das die Historiker nur mit Mühe erklären können“, weil es nicht notwendig mit Haupt- und Staatsaktionen oder einer offensichtlichen Verknüpfung von Ursache und Wirkung zu tun hat, sondern mit eher unscheinbaren Auslösern, die unerwartete Konsequenzen haben und auf eine umfassende – tendenziell totale – Veränderung der Lebenswelt zuführen.

Man hat zwar im Zusammenhang mit 1989 vom „Ende der Geschichte“ gesprochen, aber selbst diese Einschätzung blieb an der Oberfläche. Denn das, was damals begann, bedeutete eben nicht den finalen Sieg von Liberalismus, westlicher Demokratie und Marktwirtschaft. Die neue Welt war keine „feindlose“ (Ulrich Beck), sondern „darwinistisch gestimmt“ (Rudolf Augstein), und das Tempo der politischen, militärischen, gesellschaftlichen und technischen Veränderungen beschleunigte sich in einem unerwarteten Ausmaß, das vor der Zeitmarke kaum denkbar und danach nur schwer zu begreifen war. Das erklärt die Desorientierung, die bis heute anhält, auch die Ratlosigkeit der politischen Klasse und die mehr oder weniger hilflosen Prognosen ihrer Berater. Daher rührt die Menge der Nostalgien, manchmal sogar die Sehnsucht nach der Ära des Kalten Krieges, als der Planet noch übersichtlich sortiert schien, oder wenigstens den Wunsch nach einem klaren Frontverlauf zwischen den Guten und den Bösen im globalen Geschehen. Aber damit ist es vorbei wie mit der analogen Apparatur, dem Glauben an die Kommandowirtschaft oder den Triumph der „einzigen Supermacht“ (Zbigniew Brzezinski). 

Der Mauerfall ist mehr als ein deutsches Ereignis. Er steht für das Ende des 20. Jahrhunderts und den Beginn des 21. Jahrhunderts – und mithin für das, was die Griechen epoché nannten: den „Einschnitt“ im Lauf der Geschichte.



Dr. Karlheinz Weißmann, Jahrgang 1959, war Gymnasiallehrer für Geschichte und evangelische Religion und arbeitet als Historiker und Publizist. Nach der Wiedervereinigung erschien 1992 sein programmatisches Buch „Rückruf in die Geschichte. Die deutsche Herausforderung“.