© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 52/24-01/25 / 20.-27. Dezember 2024

Arbeiten wir am Guten
Weihnachten: Warum Gläubige trotz der tiefgreifenden Krise des Abendlandes auf Erlösung hoffen dürfen
David Engels

Als einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn hatte Benedikt XVI. sich einmal bezeichnet, wobei er auf das berühmte Gleichnis aus Matthäus (20,1-6) anspielte und damit sowohl seine eigene sprichwörtliche Bescheidenheit als auch seine Hoffnung auf Gottes Güte trotz der eigenen Schwächen zum Ausdruck brachte.

Die Parabel dürfte noch allgemein bekannt sein: Der Besitzer eines Weinbergs stellt morgens einige Arbeiter an und verspricht ihnen den damals üblichen Tageslohn von einem Denar. Er rekrutiert dann aber zur dritten, zur sechsten, zur neunten und zur elften, also nach der antiken Zeitrechnung letzten Stunde des Tages immer wieder neue Arbeiter. 

Nach Einbruch der Dunkelheit entlohnt er sämtliche Arbeiter mit jeweils genau einem Denar und erwidert den erstaunten Männern der ersten Stunde, die sich im Gegensatz zu den anderen doch den ganzen Tag abgemüht haben und trotzdem nur denselben Lohn erhalten: „Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“

Ebenso wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn ruft dieser Text bis heute Unverständnis oder Bestürzung hervor, wenn man ihn etwa oberflächlich als eine Art sozialpolitisches Gleichnis liest, als Ausdruck für die Unergründlichkeit Gottes interpretiert oder sogar als eine Art Apologie der Sünder. Dabei ist die eigentliche Bedeutung doch klar: Die „Tagesarbeit“ ist der Lebensweg zu Gott, und der Lohn das Himmelreich, das sowohl dem zugänglich wird, der schon in jungen Jahren zur Einheit mit Gott findet, als auch demjenigen, dem sich der Höchste erst gegen Ende seines Lebens offenbart.

Doch es gibt noch eine weitere, geschichtsphilosophische und nicht individuelle Lesart. Schon der heilige Augustinus deutete das Gleichnis historisch (Predigt 87): Die Arbeiter der ersten Stunde würden den Menschen der Zeit Abels und Noahs entsprechen, die der dritten den Patriarchen seit Abraham, die der sechsten Moses und seinen Nachfolgern, die der neunten den Propheten und schließlich die der elften Stunde den Christen: Alle würden in der zwölften Stunde die Erlösung finden, egal, wann sie historisch lebten.

Diese Deutung ist hochinteressant und verweist auf ein weiteres, etwas abgewandeltes Modell, das auch uns Heutigen überaus tröstlich sein kann, nämlich das vom Kali-Yuga. Nun wird dieser Begriff gerade in esoterischen Milieus gerne nur als eine Art dystopische Endzeit verstanden, dabei handelt es sich hierbei doch um eine durchaus ambivalente Epoche, die auch positive Aspekte hat. 

Denn wie das Vishnu Purana erklärt (6,2), benötigt der Mensch im ersten, goldenen Zeitalter zehn Jahre, um auf seine Sühne, Askese und Gebete hin Erhörung zu finden, im zweiten, silbernen, aber ein Jahr, im dritten, bronzenen, schließlich nur einen Monat, und im letzten Zeitalter, dem „Kali-Yuga“, lediglich einen Tag und eine Nacht, weshalb die wahren Weisen diejenigen beneiden, die das Glück haben, in einer solchen Spätzeit zu leben: Sie sei zwar eine Epoche des Kriegs und des Verfalls, gewähre dafür aber dem Menschen gewissermaßen als Ausgleich für sein Leid auch einen ungeahnt schnellen Aufstieg zu Gott – wenn er sich denn redlich bemühe. 

Und nichts anderes sagte übrigens auch der Prophet Mohammed, als er in einem Hadith (bei Tirmidhi 2267) erklärte, daß die Gläubigen seiner eigenen Zeit, wenn sie auch nur ein Zehntel von dem unterließen, was ihnen von Allah befohlen werde, verdammt seien, während dereinst eine Zeit kommen werde, wo diejenigen, die nur ein Zehntel vollbringen, gerettet würden.

Eine perennialistische, also auf die unterschwelligen Gemeinsamkeiten der großen Glaubenslehren abzielende Deutung mag zwar nicht jedermanns Sache sein; gerade heutzutage nicht, wo nicht nur die christlich-abendländische Identität solchermaßen durch „Multikulti“ wie auch Atheismus bedroht wird, daß es den meisten Gläubigen und Patrioten mehr darum geht, die eigenen Reihen zu schließen und sich der eigenen Seinsweise zu vergewissern, als sich dem (scheinbaren) „Feind“ gegenüber auch noch zu öffnen – eine psychologisch verständliche, vielleicht sogar notwendige Reaktion, die trotzdem alle, die ein wenig über den Tellerrand schauen, schnell in ein ideologisches Niemandsland verbannt. Doch darum soll es hier ohnehin nicht gehen: Denn wie man auch immer zum ontologischen, das heißt zum seinsmäßigen Hintergrund des Perennialismus steht, die Denkfigur, die sich aus den drei obigen Beispielen herausschält, ist nicht nur weitgehend identisch, sondern auch in gewissem Grade beruhigend.

Auch viele der Leser dieses Blattes werden, gerade kurz vor Weihnachten, einmal mehr vom Gegensatz zwischen dem zunehmend dystopischen „real existierenden Europa“ und dem alten, christlichen Abendland bedrückt sein, das hier und da noch, ganz schwach, durch den Konsumrausch, die bunten Fußgängermassen, die amerikanisierten Weihnachtslieder und die linksgrünen Predigten hindurchschimmert. 

Wer würde wohl daran zweifeln, daß wir zumindest im Rahmen der Geschichte Europas ganz „am Ende“ angekommen sind, wo nicht nur von der ursprünglichen Bevölkerung lediglich eine amorphe, posthistorische Masse übriggeblieben ist, sondern sich auch von den alten Formen nur noch ein Zerrbild erhalten hat; alles vor dem Hintergrund eines politischen Gärungsprozesses, der eine schlimme Zukunft verspricht – eine Art „Kali Yuga“ des 21. Jahrhunderts?

Und wer könnte sich in diesem Kontext ganz davon freisprechen, trotz bestem Willen in vielem doch auch „nur“ ein Kind seiner Zeit zu sein, unfähig, in voller Gänze die echte Tiefe, Einfachheit, Seelengröße und Gottesunmittelbarkeit einer weit zurückliegenden Vergangenheit aufzuweisen?

Wer hier verzweifelt, weil er genau weiß, daß sein Leben und Streben in diesen späten Zeiten nur Stückwerk sein kann – nun, der erinnere sich an die Arbeiter der elften Stunde, die vielleicht kein ganzes Tagewerk vollbringen konnten, die aber trotzdem vertrauensvoll auf Arbeit hofften und nach ihrer Berufung fleißig getan haben, was sie konnten, obwohl es schon dunkelte – und die dafür reich belohnt wurden.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten – und verpassen Sie nicht das diesjährige Kommen des Herrn des Weinbergs!


Prof. Dr. David Engels, Jahrgang 1979, lehrte Römische Geschichte in Brüssel und ist Publizist.