© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de    30/99 23. Juli 1999


Euro: Der Verfall gegenüber dem Dollar birgt die Gefahr von Inflation in Deutschland
"Die politische Union ist tot"
Karl Peter Gerigk

Herr Professor Hankel, geht die deutsche Rechnung auf, über die Wirtschafts- und Währungsunion die politische Einigung Europas herbeizuführen?

Hankel: Die politische Union ist tot. Das Junktim, das in dem Maastrichter Vertrag zwischen wirtschaftlicher und politischer Union bestanden hat, ist offiziell gestrichen worden. Auch die deutsche Regierung strebt keine politische Union mehr an, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.

Die Erklärung Außenminister Joschka Fischers zu Beginn der deutschen Ratspräsidentschaft sagt aber genau das Gegenteil.

Hankel: Herr Fischer wollte eine Verfassung in Auftrag geben – nur wo ist die Gegenliebe? Soweit mir bekannt ist, wurde Fischers Vorschlag von keiner Regierung der EU als verbindlich angesehen.

In einem Artikel für die Zeitung "Die Woche" kritisieren Sie die Schönrederei der Zentralbänker, die behaupten, es gäbe keine Schwäche des Euro, sondern eine Dollar-Stärke . Ist die Warnung vor einer Inflation ein Horrorszenario?

Hankel: Nein, diese Gefahr ist real. Die Analysen unserer Währungshüter würden keinen Studenten in einem wirtschaftswissenschaftlichen Seminar überzeugen. Die Schwäche des Euro ist selbstverursacht und selbstgewollt. Die Europäsiche Zentralbank hat sich schon im April von den Weltmarktzinsen entfernt. Seitdem haben wir eine negative Zinsdifferenz zum Dollar. Dies bedeutet, daß es zu Kapitalumschichtungen und Kapitalflucht kommt. Das stärkt den Dollar und schwächt den Euro.

Das Kapital fließt in die Vereinigten Staaten und finanziert den Wirtschaftsboom dort?

Hankel: Ja, das Kapital fließt nicht nur in die USA, sondern überall dorthin, wo man sich an den Zinsen des US-Kapitalmarktes orientiert. Das macht die Schwäche des Euro weltweit aus. Die Finanzminister haben diese Billigzins-Politik begrüßt.

Mit welchem Ziel?

Hankel: Man wollte den Haushalt entlasten, die Konjunktur in Euroland ankurbeln, die Arbeitslosigkeit herunterdrücken. Dies ist die Fortsetzung der Lafontainschen Politik in Zeitverzögerung. Die EZB hat sich damit selber in ein Zinsgefängnis gesetzt. Hält sie nämlich an der Zinsdisparität zum Dollar fest, dann schreibt sie die Euro-Schwäche für lange Zeit fest. Denn das Zinsniveau in den USA wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Will die EZB durch Zinserhöhungen diese Disparität beseitigen, provoziert sie den Streit mit fast allen Regierungen in Euroland, denn diese sind an einem weichen Euro interessiert, der Konjunktur, der Arbeitsplätze und der Haushalte wegen. Nur geht das eben zu Lasten der Sparer.

Welche Rolle spielt eigentlich der Wechselkurs zum Dollar, wenn der Euro doch im wesentlichen für den Handel innerhalb der Währungsunion bestimmt ist?

Hankel: Man wollte dem Dollar Konkurrenz machen. Der Euro sollte ein Rivale werden, um den Dollar zu disziplinieren und die USA zu geringeren Defiziten zu veranlassen. Nur: Die Defizite in den USA sind der Motor der Weltkonjunktur. Der zweite Irrtum ist zu glauben, daß das Euroland ein geschlossener Wirtschaftsraum sei. Ob ein Wirtschaftsraum geschlossen, läßt sich nicht an den Handelsströmen ablesen, sondern nur an der Kapitalverflechtung. Da zeigt sich, daß Euroland extrem kapitalabhängig ist. Dies gilt insbesondere für die Länder der Hauptwährungen im Zentrum. Werden hier die Zinsen gesenkt, kommt es unweigerlich zu Kapitalabflüssen. Warum sollten sich Anleger mit niedrigeren Zinsen zufrieden geben, wenn sie im Ausland mehr bekommen? Warum sollten sie warten, bis der Euro noch weiter an Wert verliert?

Aber die EU-Regierungen müssen sich an der Geldpolitik der EZB in Frankfurt orientieren, die ja der Stabilität verpflichtet ist.

Hankel: Die Verpflichtung zur Stabilität steht zwar im Maastricht-Vertrag und in der Satzung der EZB, aber wir haben eine offene Flanke. Sie wird verstärkt durch den Umstand, daß der Euro zur Zeit auch nur eine Währung für den Kapitalmarkt ist: eine Börsenwährung. Wenn Kapitalabflüsse den Euro schwächen, importieren wir zunächst Inflation: über die Verteuerung der Importe von Bananen bis zu Ölprodukten, die in Dollar abgerechnet werden. Dazu kommen dann die Preiserhöhungsspielräume, die jetzt den Inlandsproduzenten zur Verfügung stehen. Wenn amerikanische und japanische Konkurrenzprodukte, zum Beispiel Autos, teurer werden, können deutsche Konzerne dies zu ihren Gunsten ausnutzen. Das führt zu Inflation. Wenn abwertungsbedingt die Zinsen steigen, und das tun sie bereits, gibt es einen Rückschlag in der Konjunktur, der Investitionstätigkeit und auf dem Arbeitsmarkt. Die Euro-Schwäche treibt sowohl die Preise wie die Zinsen hoch. Deswegen bringt sie beides: Inflation und Depression. Und sie verunsichert die Sparer, Rentner und alle anderen, die geglaubt haben, der Euro sei so gut wie die Mark.

Erhöht die Euro-Schwäche für deutsche Unternehmen die Exportchancen auf dem Weltmarkt?

Hankel: Was heißt schon "gut für den Export"? Durch die Währungsunion ist die Exportquote der EU dramatisch geschrumpft: auf 12 Prozent des BIP. In den meisten Länder – abgesehen von den USA – herrscht zudem Krise. Sie können gar keine deutschen Produkte kaufen, auch wenn diese durch die Euro-Schwäche billiger werden.

Die Kosten der Lebenshaltung sind zuletzt in Deutschland lediglich um 0,4 Prozent gestiegen. Ist dies kein Zeichen für Stabilität?

Hankel: Das ist nur eine Momentaufnahme. Es braucht einige Zeit, bis die Preissteigerung in den Indizes erscheint. Die Währung, die außen schwach und innen stark ist, muß noch erfunden werden. Herr Duisenberg bekäme hierfür den Nobelpreis für Ökonomie.

Wim Duisenberg hat kürzlich eine Erhöhung der Zinsen hierzulande nicht mehr ausgeschlossen. Kommt es dann zu Gewinnmitnahmen in den USA und eventuell zu Kapitalrückflüssen nach Europa?

Hankel: Schön wäre es, nur der Anstieg der Zinsen in den USA wird weitergehen, da die USA ein hohes Leistungsbilanzdefizit haben und Kapital benötigen. Amerika braucht Lockzinsen für seine Kapitalimporte. Die Zinssteigerungen dort stören auch nicht, da sie auf eine vollbeschäftigte Wirtschaft treffen. Uns treffen sie hart, da sie die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland verschärfen und das Ende des Konjunkturfrühlings einleiten.

Sie schreiben in dem Beitrag für "Die Woche", wenn der Euro im Jahr 2002 erst real da sei, müßte man mit weiteren Abwertungen rechnen. Warum das?

Hankel: Wegen der Psychologie. Noch haben die Menschen ihre Mark im Portemonnaie und auf dem Konto, deswegen berührt sie der Euro noch nicht. Wenn der Umtausch kommt, merken sie, was sie an Vermögen verloren haben. Man muß also damit rechnen, daß die Flucht aus dem Euro zunimmt, je näher der Zeitpunkt des Umtauschs kommt.

Sollte das Datum der Einführung der Euro-Münzen und Scheine verschoben werden?

Hankel: Es gibt gar keinen Terminzwang. Ich halte die Beibehaltung des Parallelsystems, also die Koexistenz des Euro neben den bewährten Hartwährungen für psychologisch sehr wichtig.

Wenn der Euro wirklich so schlecht für die Unternehmen und Bürger ist, gibt es denn noch einen Weg zurück?

Hankel: Ich bin überzeugt, daß der Euro spätestens dann zur Disposition gestellt werden wird, wenn die EU-Erweiterung kommt. Die drohenden Schwierigkeiten mit elf divergierenden Ländern und elf verschiedenen Finanzpolitiken sind schon groß genug. Wenn erst der Euro-Kreis auf 15 oder 20 Teilnehmer ausgedehnt wird, ausnahmslos Länder, die selbst in den dicksten ökonomischen Schwierigkeiten stecken, geht es nicht mehr. Mit der EU-Erweiterung zeigt sich dann das wahre Europa, das aus zwei Währungsräumen besteht: dem Euro-Club und dem EWS II. Letzteres wird dann durch Großbritannien und die skandinavischen Staaten dominiert. In ihm hätte man alle Vorteile eines funktionierenden Währungssystems: freie Wechselkurse und das Recht auf eigene Stabilitätspolitik. Deswegen wird es sogar Übertritte aus dem Euro in das EWS II geben, und deswegen ist eine Verschiebung des Termins von 2002 notwendig. Jeder Hausfrau weiß, wenn man erst einmal ein Omelett in die Pfanne gehauen hat, kann man nicht mehr mit den Eiern etwas anderes anfangen.

Glauben Sie, daß der Euro in der Hand des Bürgers zum Zeichen für ein Vereintes Europa wird, oder werden ihn die Menschen ablehnen?

Hankel: Jede Währung ist eine Art Stimmzettel. In der Euro-Schwäche drückt sich die ganze Enttäuschung der Bürger über ihr neues Geld aus. Man hat ihnen eine starke Währung versprochen, nun ist sie butterweich. Meine Vorstellung von Europa ist weder die eines Megastaates noch die einer Großmacht. Die letzten Vielvölkerstaaten in Europa, Habsburg und die Sowjetunion, sind auch untergegangen.Europa kann sich nur als Commonwealth verwirklichen, politisch wie wirtschaftlich. Als eine Allianz freier, demokratischer Nationen, eine Art "Hansebund" als Interessengemeinschaft von Unternehmen und Kaufleuten im globalem Wettbewerb. Ein "Euro-Block" wäre die Fortschreibung des Kommunismus mit anderen Mitteln, ein bürokratisches, kafkaeskes Monstrum.

 

Prof. Dr. Wilhelm Hankel geboren 1929 in Langfuhr/Danzig, studierte Wirtschaftswissenschaften in Mainz und Amsterdam. Seine berufliche Laufbahn begann er bei der Bank deutscher Länder, dem Vorläufer der Deutschen Bundesbank. Von 1959 bis 1968 arbeitete er bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau, zuletzt als deren Direktor. Finanzminister Karl Schiller (SPD) holte ihn ins Wirtschaftsministerium nach Bonn, wo er mitverantwortlich war für Reformen des deutschen Geld-, Bank- und Kreditwesens. 1972 wurde Hankel Präsident der Hessischen Landesbank. Danach lehrte er Währungs- und Entwicklungspolitik an der Universität Frankfurt/Main und war Berater der Regierung Kohl in Finanzfragen für die Dritte Welt.


 
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