© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 40/19 / 27. September 2019

„Keine Kinder – keine Zukunft“
Marsch für das Leben“: Tausende demonstrieren für den Schutz ungeborenen Lebens / Linksradikale sorgen mit Sitzblockaden für Verzögerungen
Lukas Steinwandter

Neben dem Absperrgitter steht ein kleiner Junge mit Trisomie 21. An einem weißen Faden in seiner Hand schaukelt ein grüner Luftballon sanft im Wind. Auf seinem Jackenärmel klebt ein Rosenaufkleber mit der Aufschrift „Danke Mama!“ Rund 50 Meter entfernt und ebenfalls hinter Zäunen haben sich einige Dutzend Linksradikale zusammengefunden, die immer wieder „Ihr seid Abschaum!“ und „Haut ab!“ herüberrufen. Der guten Laune hier vor dem Reichstagsgebäude in Berlin tut das aber keinen Abbruch. Neben den Eltern des Jungen stehen an diesem Samstag Tausende andere Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen, Priester und Nonnen unterschiedlicher Herkunft und jeden Alters. 

Die Sonne strahlt mit ihren Gesichtern um die Wette, sie sind gelassen: Der Bundesverband Lebensrecht (BVL) hat zum 15. „Marsch für das Leben“ gerufen. Die Botschaften auf den Schildern der Teilnehmer sind klar: „‘Echte Männer’ stehen zu ihrem Kind“, „Ungeborene sind keine Rohstoffe“, „Keine Kinder – keine Zukunft“ oder „Willkommenskultur auch für Ungeborene“. Eine junge Frau erzählt, sie sei heute nicht in erster Linie da, um gegen etwas zu demonstrieren, sondern für etwas: für das Leben. 

Deutlich werden auch die Gegendemonstranten. Zwar will keiner von ihnen mit dieser Zeitung reden, und wenn es einer doch tun will, wird er von anderen weggedrängt, ihre Sprechchöre aber sind klar verständlich: „My body, my choice. Raise your voice!“ („Mein Körper, meine Entscheidung. Erheb deine Stimme!“) oder „Wir haben Spaß, ihr habt bloß Jesus!“ Auf einem per Hand zurechtgeschnittenen Flugblatt steht unter anderem: „Wir kämpfen für das Recht auf Abtreibung“ und dafür, „daß Schwangerschaftsabbrüche Teil der medizinischen Ausbildung werden und alle Krankenhäuser diese durchführen“.

Hartmut Steeb, der stellvertretende Vorsitzende des BVL, muß auch in diesem Jahr zur Gelassenheit aufrufen, bevor der Marsch startet. Grund dafür sind aber nicht die rund 8.000 Teilnehmer – ein neuer Rekord –, sondern die Gegendemonstranten. Sie werden auch diesmal provozieren, blockieren und sabotieren. 

Schon bei der Auftaktkundgebung stürmen einige von ihnen während einer Schweigeminute für 100.000 jährlich abgetriebene Kinder in Deutschland und 55 Millionen weltweit auf die Bühne, entrollten ein Transparent, rufen Parolen und beschädigen einen Laptop. Die Polizei greift sofort ein. Anders als wenige hundert Meter nach Beginn des Marsches. Rund 100 Linksradikale haben sich unter die Lebensschützer gemischt und blockieren zeitgleich mit einer anderen Gruppe Gegendemonstranten zweihundert Meter vor dem Teilnehmerzug die Straße. Während vorne behelmte und schwer ausgerüstete Polizeitrupps schwarzgekleidete Männer und Frauen wegtragen, dauert es weiter hinten länger. Erst nach rund 50 Minuten und mehrmaligen Warnungen tragen Beamte einen Blockierer nach dem anderen an den Straßenrand. Die Lebensschützer bleiben größtenteils gut gelaunt, auch wenn sich bei manchem Unverständnis ob der Warterei breitmacht. Selbst als mehrere Linke teilweise barbusig mitgebrachte Holzkreuze der Abtreibungsgegner stehlen und in die Spree werfen, gibt es lediglich Gelächter. Zwei junge Männer steigen anschließend die Ufermauern hinunter und fischen die Kreuze aus dem Wasser. Es folgen weitere Störungsversuche. Schließlich muß die Polizei die Route ändern. Der Marsch kommt aber bis zum Reichstagsgelände ohne Unterbrechungen durch. Dort treffen sie wieder aufeinander, die Lebensschützer und die pöbelnden Gegendemonstranten. Bevor der ökumenische Abschlußgottesdienst startet, bedankt sich Steeb mit den Worten: „Wir brauchen nicht schreien und nicht pfeifen, wir haben gute Argumente.“